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Full text of "Das Streich-Quartett in Wort und Bild"

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Das  S^ich-Quartett 


in  Wort  und  J^ild 


i 


Das  Streich-Quartett 


in  Wort  und  J^ild 


J{crausgegeben  von 


^  ^  ^  4*  Ehrlich 


Verlag  von 
J{.  Pag  ne 
in  Leipzig 


Vorwort. 

die  Pflege  der  Kammermusik  und  speziell  des  Streichquartetts  wohl  noch  nie  eine 
so  rege  gewesen  ist  wie  in  der  Gegenwart,  dürfte  wohl  keinem  Zweifel  unterliegen. 
In  jeder  einigermassen  grösseren  Stadt  besteht  ein  gutes,  meist  aus  Mitgliedern  des 
Theater- Orchesters  gebildetes  Quartett,  das  regelmässig  Kammermusik- Abende  ver¬ 
anstaltet,  und  ausserdem  werden  selbst  kleinere  Städte  in  jedem  Jahre  von  den 
Quartetten  der  Residenzen  und  grösseren  Städte  besucht.  Bedenkt  man,  dass  dem 
Streichquartett  äusserliche  Mittel  zur  Erzielung  von  Wirkung  fehlen,  dass  es  sich 
dabei  um  Musik  in  der  anspruchslosesten  Form  handelt,  so  dass  nur  ein  ziemlich  geübtes  Ohr  überhaupt 
daran  Geschmack  findet,  so  muss  man  nothgedrungen  zu  der  Ueberzeugung  gelangen,  dass  das  musika¬ 
lische  Verständniss  des  grossen  Publikums  in  den  letzten  dreissig  Jahren  gewaltige  Fortschritte  gemacht  hat. 

Ein  grosser  Prozentsatz  des  Publikums,  welches  Kammermusiksoireen  besucht,  besteht  aus  Geigen- 
und  Cello-Dilettanten,  welche  die  vorgeführten  Werke  in  engerem  Kreise  spielen,  und  die  durch  das 
Hören  derselben  zu  immer  neuen  Versuchen  angeregt  werden,  das  was  ihnen  bis  dahin  fremd  war  und 
auf  den  ersten  Blick  unausführbar  erschien,  vorzunehmen  und  wenigstens  den  Versuch  zu  machen,  damit 
näher  vertraut  zu  werden. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  dass  die  Anzahl  dieser  Geigen-  und  Cello-Dilettanten  eine  ungemein  grosse 
sein  muss  und  von  der  Ansicht  ausgehend,  dass  sich  die  meisten  derselben  für  Alles  interessiren,  das 
irgendwie  auf  das  Streichquartett  Bezug  hat,  kam  ich  auf  den  Gedanken,  die  hier  gebotene  Sammlung 
zusammenzustellen.  Sie  ist,  obgleich  nicht  absolut  vollständig,  weit  umfangreicher  geworden,  als  ich  zu¬ 
erst  beabsichtigte  und  giebt  ein  annäherndes  Gesammtbild  Derjenigen,  die  innerhalb  der  letzten  fünfzig 
Jahre  das  Streichquartett  öffentlich  zum  Vortrage  gebracht  haben. 

Allen  Denen,  meist  die  ersten  Geiger  der  betreffenden  Streichquartette,  welche  mich  durch  Zu¬ 
sendung  von  Photographien  und  biographischen  Unterlagen  unterstützt  haben,  sage  ich  hiermit  meinen 
wärmsten  Dank. 

Leipzig',  im  November  1898. 


v 


Der  Herausgeber. 


Inhalt, 


Seite 

Die  Müller* sehen  Quartette  -  .  .  ,  . . i — 3 

Das  Florentiner  Quartett . 4 

Die  Leipziger  Quartette. 

Die  Mitglieder  der  Leipziger  Kammermusik-Soireen  1860 . 6 

Das  Petri-  und  das  Lewinger-Quartett  ....  . 8 — 11 

Das  Brodski-Quartett .  12 

Das  Berber-Quartett .  14 

Die  Wiener  Quartette. 

Die  Hellmesbergcr-Quartette . 16 

Das  Rose-Quartett  . . 18 

Das  Prill-Quaitelt .  20 

Das  Fitzner-Quartett . 22 

Das  Soldat-Rocger-Quartett  .  .  . 24 

Das  Quartett  Duesberg . 26 

Das  Winkler’sche  Quartett . 28 


Das  Joachim’schc  Quartett  (Berlin)  .  .  . 30 

Das  Joachim’sche  Quartett  (London) . 31 


Das  Londoner  Quartett  mit  W.  Normann-Ncruda  (Lady  Halle)  und 

Sir  Charles  Hall6 . 33 

Das  Dresdener  Quartett . 34 

Das  Stuttgarter  Quartett . 36 


Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 

Das 


Meininger  Quartett 
Heckmann’sche  Quartett 
Kölner  Quartett 
Frankfurter  Quartett 
Halir-Quartett  . 
Walter-Quartett  (München) 
Hamburger  Quartett 
Waldemar  Meyer- Quartett 
Holländer-Quartett 
Riller-Ouartett. 
Hänflein-Quartctt 
„Böhmische“  Sti  eich-Ouartett 
Budapester  Quartett 
Petersburger  Quartett 
Warschauer  Quartett 
Bologneser  Quartett 
Triester  Quartett 
Brüsseler  Quartett 
Richard  Gompertz-Quartett 
Shinner-Ouartett 
Kneiscl-Ouartett 
Dannrcuther-Quartett 
Römische  Quartett 


Die  Müller’schen  Quartette. 


eisende  Streich  -  Quartette  sind  heutzutage  eine  so  häufige  Erscheinung,  dass  man  sich  kaum  in  die 
Zeit  zurückversetzen  kann,  da  ein  solches  reisendes  Quartett  ein  Ereigniss  war,  und  Diejenigen,  welche 
diese  Thätigkeit  erst  zu  einer  Spezialität  ausgebildet  haben,  sind  für  die  grosse  Masse  heute  vollständig 
vergessen.  Die  Gebrüder  Müller,  in  Braunschweig  in  der  herzoglichen  Kapelle  angestellt,  dürften  wohl 
die  ersten  gewesen  sein,  welche  das  reisende  Streich- Quartett  ins  Leben  riefen  und  zu  hohem  Ansehen 
brachten.  Vor  40  bis  45  Jahren  sprach  man  noch  von  diesem  Quartett  als  von  dem  Höchsten,  das 
im  Quartett  geleistet  werden  konnte.  Dasselbe  bestand  aus  Karl  Er.  Müller  (1.  Violine),  F.  Georg 
Müller  (2.  Violine),  T.  H.  Gustav  Müller  (Viola)  und  A.  Theodor  Müller  (Cello).  Sie  reisten  in 
der  Zeit  von  1831  bis  1855  durch  ganz  Deutschland,  Öesterreich,  Holland,  Russland,  Dänemark,  Paris  und 
haben  somit  zweifellos  den  Sinn  für  die  edelste  und  anspruchsloseste  Form  der  Musik  mächtig  gefördert. 
Die  umstehend  gegebene  erste  Abbildung  ist  nach  einer  Lithographie  aus  dem  Jahre  1852  und  verdanke 
ich  dieselbe  Herrn  Karl  Müller-Berghaus,  dem  ersten  Geiger  des  „jüngeren“  Müller’schen  Quartetts. 

Als  das  Müller’sche  Quartett  durch  den  Tod 
eines  der  Brüder  gesprengt  wurde,  enstand  das 
jüngere  Quartett  Müller,  indem  die  vier  Söhne 
des  ersten  Geigers,  Karl  Fr.  Müllers,  Karl 
Müller-Berghaus  (x.  Violine),  Hugo  (2.  Vio¬ 
line),  Bernhard  (Viola)  und  Wilhelm  (Cello) 
wieder  ein  Quartett  bildeten  und  reisten.  Sie 
wurden  als  Hofmusiker  in  Meiningen  angestellt, 
siedelten  dann  nach  Wiesbaden  über  und,  als 
Karl  Müller-Berghaus  nach  Rostock  als  Kapell¬ 
meister  berufen  wurde ,  auch  nach  Rostock. 

Von  dieser  Zeit  an  trat  Leopold  Auer  als 
erster  Geiger  in  das  Quartett  ein.  Im  Jahre 
1873  ging  das  Quartett,  durch  die  Berufung 
Wilhelm  Müllers  nach  Berlin  als  erster  Cellist 
bei  der  königlichen  Kapelle  und  Lehrer  an 
der  inzwischen  gegründeten  Hochschule,  definitiv 
auseinander. 


Das  erste  Mliller’sche  Quartett.  Nach  einer  Zeichnung  von  Chr.  Reimers. 


A.  Ehrlich.  Das  Streich -Quartett. 


Das  ältere  Müller’sehe  Quartett. 


2 


Wilhelm  Müller. 


Karl  Müller. 


Hugo  Müller. 


Bernhard  Müller. 


Das  Herzogi.  S.-Meiningen’sehe  Hof-Quartett. 


3 


Das  Florentiner  Quartett. 


^jit  diesem  Quartett,  das  sich  im  Jahre  1866  in  Florenz  zusammenfand,  beginnt  eigentlich 
die  Geschichte  des  reisenden  Streichquartetts,  denn  obwohl  schon  die  älteren  und  jüngeren 
Gebrüder  Müller  reisten,  so  waren  sie  doch  nicht  lediglich  zu  diesem  Zwecke  zusammen- 
S|  getreten,  wie  das  bei  den  Florentinern  der  Fall  war.  Den  Namen  des  „Florentiner“-Quartetts 
5a  hat  es  lediglich  daher  bekommen,  dass  es  in  Florenz,  wenn  ich  nicht  irre,  wesentlich  auf 
Veranlassung  einer  damals  dort  lebenden  Russin  entstand.  Jean  Becker,  der  erste  Geiger,  war  ein 
Mannheimer  und  der  Cellist,  Hilpert  ein  Nürnberger.  Nur  die  Mittelstimmen,  zweite  Geige  und  Viola 
waren  mit  Florentinern,  den  Herren  Masi  und  Chiostri,  besetzt.  Das  Quartett  wurde  etwa  1865 
oder  1866  begründet  und  erlangte  durch  seine  ausgedehnten  Reisen  bald  einen  Weltruf.  1875  trat 
an  Stelle  Hilperts  der  Cellist  Spitzer-  Hegyesi  ein  und  bald  ging  es  in  Folge  eines  Streites  zwischen 
Jean  Becker  und  Chiostri  auseinander.  Chiostri  war  ein  vorzüglicher  Musiker  und  ausgezeichneter 
Violaspieler,  leider  aber  von  wenig  verträglichem  Charakter,  der  schon  vorher  wiederholt  zu  zeitweiligen 
Reibungen  geführt  hatte.  (Er  und  seine  Familie  kamen  vor  einigen  Jahren  durch  eine  Vergiftung 
um).  Nachdem  das  Quartett  aufgelöst  worden  war,  zog  sich  Becker  in  seine  Vaterstadt  zurück  und 
reiste  von  da  aus  hin  und  wieder  mit  seinen  Kindern  Hans,  Hugo  und  Jeanne,  ohne  jedoch  den  Beifall, 
den  er  früher  mit  dem  Quartett  gefunden  hatte,  zu  erlangen. 

Was  die  Leistung  der  sogenannten  Florentiner  anlangt,  so  lässt  sich  heute  darüber,  wie  sie 
sich  zu  denen  der  jetzt  und  in  den  letzten  zehn  Jahren  bestehenden  und  bestandenen  Quartett -Verei¬ 
nigungen  verhalten,  schwer  ein  Urtheil  fällen.  Waren  sie  besser  als  das  Joachim’sche,  Brodski’sche, 
Heermann’sche,  Böhmische,  oder  ebenso  gut,  oder  geringer?  Jean  Becker  hatte  jedenfalls  das  grosse 
Verdienst,  das  Interesse  für  Kammermusik  und  speziell  für  das  Streich  -  Quartett  wieder  mächtig 
angefacht  zu  haben,  denn  von  jener  Zeit  an  sind  die  stehenden  und  reisenden  Streichquartette  in 
grosser  Anzahl  entstanden. 


4 


Andante  cantabile. 


Das  Florentiner  Quartett. 


5 


Die  Leipziger  Quartette. 

Die  Mitglieder  der  Leipziger  Kammermusik- Soireen  1860. 


i  Leipzig  war  seit  vielen  Jahren  und  namentlich  seit  dem  Engagement  Ferdinand  Davids, 
dem  von  Mendelssohn  so  hochgeschätzten  Konzertmeister  der  Gewandhaus-Konzerte,  das 
öffentliche  Quartettspielen  heimisch.  Unter  den  berühmten  Streich-Quartetten  der  letzten 
40  Jahre  nehmen  zweifellos  diejenigen  des  Leipziger  Gewandhauses,  wie  es  in  den 
sechziger  Jahren  bestand,  einen  hervorragenden  Platz  ein.  Ferdinand  David  war  der 
Führer  desselben,  und  zwei  seiner  Schüler,  E.  Röntgen  und  Fr.  Hermann,  seit  mehreren  Jahren 
Professor  am  königl.  Conservatorium,  spielten  die  zweite  Geige  und  Viola.  Das  Cello  war  bei 
Fr.  Grützmacher,  dem  jetzigen  königl.  Kammermusiker  und  Konzertmeister  in  Dresden,  in  den 
besten  Händen.  Von  Zeit  zu  Zeit  wechselte  die  erste  Violine  ihren  Vertreter,  indem  dann 
R.  Dreyschock,  der  zweite  Konzertmeister  des  Gewandhauses,  an  diese  Stelle  trat,  ebenso  die 
zweite  Geige,  die  dann  von  Fr.  Haubold,  ebenfalls  einem  Schüler  Davids,  gespielt  wurde. 

David,  als  energischer  Leiter,  hatte  unleugbar  bedeutende  Verdienste  um  die  Pflege  der 
Kammermusik,  und  in  seiner  besten  Zeit,  etwa  1858  — 1865,  waren  die  Leistungen  gewiss  hervor¬ 
ragende  und  namentlich  hatte  das  Quartett  den  Vorzug  vor  vielen  anderen  der  damaligen  Zeit, 
dass  die  Ausführung  nach  einem  Kopfe  ging.  David  duldete  keine  andere  Meinung  und  wenn 
auch  seine  Auffassung  hin  und  wieder  nicht  unanfechtbar  war,  so  war  doch  die  Ausführung  in 
dieser  Richtung  eine  tadellose.  Später  freilich  wurde  Davids  Spiel  etwas  manirirt  und  die  schöne 
Klangfarbe  des  Quartetts  litt  durch  seine  Neigung  zum  Kratzen  und  in  der  allerletzten  Zeit  auch 
durch  Unreinheit.  Was  speziell  die  Klangfarbe  des  Streichquartettes  anlangt,  so  glaube  ich  niemals 
eine  schönere  gehört  zu  haben,  wozu  allerdings  die  wunderbare,  wohl  von  keinem  anderen  Saale 
erreichte  Akustik  des  alten  Gewandhaussaales  nicht  wenig  beigetragen  haben  mag. 

Die  hier  gegebene  Porträtgruppe,  der  man  das  Peinliche  des  Photographirens  der  damaligen 
Zeit  (bitte,  ein  recht  freundliches  Gesicht! 
und  5  Minuten  sitzen  ohne  mit  den  Augen  zu 
blinzeln)  ansieht,  verdanke  ich  der  Liebens¬ 
würdigkeit  des  Herrn  Professor  Fr.  Hermann. 


6 


E.  Röntgen.  Fr.  Griitzraacher.  Fr.  Haubold.  _ 

Fr.  Hermann.  R.  Drcyschock.  Ferd.  David. 

Die  Mitglieder  der  Leipziger  Kammermusik-Soireen  1860. 


7 


Das  Petri-  und  das  Lewinger-Quartett. 


ach  dem  Tode  Ferdinand  Davids  nahm  das  Interesse  für  die  Kammermusik- Soireen 
beim  Publikum  bedeutend  ab  und  erwachte  erst  wieder,  als  die  rivalisirenden  Quartett- 
Vereinigungen  Brodski  und  Petri  ins  Leben  traten.  Mit  diesem  letzteren,  welches  im 
Laufe  von  vierzehn  Jahren  nicht  weniger  als  sieben  Wandlungen  in  der  Besetzung  der 
einzelnen  Stimmen  durchgemacht  hat,  haben  wir  es  hier  zu  thun. 

Die  erste  Zusammenstellung  bestand  aus  den  Herren  H.  Petri,  A.  Boiland, 
und  Alwin  Schröder  (der  inzwischen  nach  Amerika  gegangen  ist  und  den  wir  auf  dem 
Kneisel- Quartett  wiederfinden),  alle  vier  Mitglieder  des  Gewandhaus-Orchesters.  Bald  trat  Herr  Boiland 
von  der  zweiten  Geige  zurück  und  Herr  H.  von  Dameck,  ein  früherer  Schüler  des  Leipziger  Conser- 
vatoriums,  trat  an  dessen  Stelle.  Nach  Weggang  des  Herrn  Konzertmeister  Petri,  welcher  nach  Dresden 
übersiedelte,  übernahm  Herr  Arno  Hilf  die  erste  Violine.  Dieser  trat  jedoch,  bei  Brodskis  Abgang,  bald 
in  das  andere  Leipziger  Quartett  (Hilf,  Becker,  Sitt,  Klengel)  über,  und  der  neu  engagirte  Konzertmeister 
C.  Prill  übernahm  die  erste  Violine.  Unter  dessen  Leitung  schieden  wieder  von  Dameck  und  Schröder 
aus,  für  welche  die  Herren  M.  Rother  (2.  Violine)  und  G.  Wille  (Cello)  eintraten.  Für  Herrn 
Konzertmeister  Prill,  welcher  in  der  Saison  1897  bis  1898  austrat,  um  eine  glänzende  Stellung  in  Wien 
anzutreten,  und  den  wir  nun  auf  einem  andern  Bilde  wiederfinden,  trat  Herr  M.  Lewinger,  Konzert¬ 
meister  am  Gewandhause,  ein. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  dass  dieser  fortwährende  Wechsel  in  der  Besetzung  der  einzelnen 


B.  Unkenstein 


8 


A  Ehrlich.  Da«  Streich* Quartett. 


II.  Petri.  A.  Schröder. 


B.  Unkenstein.  A.  Holland. 


Das  Petri -Quartett. 


9 


Stimmen  nicht  ohne  Einfluss  auf  die  Quartett -Vereinigung  bleiben  konnte.  Um  ein  vollendetes  Quartett¬ 
spielen  zu  erzielen,  ist  nicht  nur  die  Tüchtigkeit  des  Einzelnen  erforderlich,  jeder  muss  auch  die 
Eigenart  der  andern  drei  kennen,  und  hier  und  da  derselben  Rechnung  tragen,  und  wenn  man  auch 
annehmen  kann,  dass  ein  solches  Zusammenfinden  bei  anerkannt  tüchtigen  Kräften  verhältnissmässig 
schnell  stattfinden  wird,  so  gehört  selbst  bei  den  besten  Kräften  Zeit  dazu.  Beim  Quartettspielen  hat 
auch  der  Charakter  eines  jeden  der  vier  Mitwirkenden  etwas  zu  sagen,  und  nicht  selten  wird,  wenn 
der  erste  Geiger  nicht  in  Allem  und  Jedem  die  allein  ausschlaggebende  Stimme  hat,  die  Bildung  eines 
einheitlichen  Ensemble  durch  Meinungsverschiedenheit  aufgehalten. 

Bleibt  die  Leitung  des  Quartettes  in  derselben  Hand,  so  wird  ein  Wechsel  bei  den  anderen 
Stimmen  nicht  allzu  störend  wirken.  Im  vorliegenden  Falle  aber  fand  gerade  in  der  Besetzung  der 
ersten  Geige  ein  Wechsel  durch  die  Herren  Petri,  Hilf,  Prill  und  Lewinger  statt.  Das  brachte  manche 
Aenderung  in  der  Auffassung  mit  sich  und  es  ist  unter  diesen  Umständen  nicht  genug  anzuerkennen, 
dass  die  Aufführungen  des  Quartetts  einen  so  hohen  Grad  von  Vollkommenheit  erreichten.  Schade  nur, 
dass  durch  Herrn  Konzertmeister  M.  Lewingers  Abgang  nach  Dresden  ein  abermaliger  Wechsel 
verursacht  wird. 


G.  Wille. 


B.  Unkenstein. 


M.  Rotker. 


Das  Lewinger-Quartett. 


Das  Brodski- Quartett 


ast  gleichzeitig-  mit  der  ersten  hier  gegebenen  Zusammenstellung  (Petri,  Bolland,  Unkenstein 
Schröder)  trat  das  zweite  Leipziger  Quartett  der  Herren  A.  Brodski,  O.  Nowazek,  H  Sitt 
und  L.  Grützmacher  aus  Weimar,  später  J.  Klengel,  zusammen.  A.  Brodski,  der  schon  unter 
zwei  Meistern  ersten  Ranges,  J.  Ilellmesberger  in  Wien  und  Ferdinand  Laub  in  Moskau, 
viel  Quartett  gespielt  hatte,  war  als  Lehrer  an  das  Leipziger  Conservatorium  berufen  worden, 
und  als  begeisterter  Quartettspieler  fühlte  er  sehr  bald  das  Bedürfniss,  ein  Quartett  zusammenzustellen, 
wozu  ihm  der  befreundete  ausgezeichnete  Geiger  H.  Sitt  (der  die  Viola  übernahm)  sehr  forderlich  war. 
Ein  vorzüglicher  Schüler  Brodskis,  Nowazek,  übernahm  die  zweite  Violine  und  Leopold  Grützmacher  aus 
Weimar  das  Cello.  Später  trat  J.  Klengel  an  des  Letzteren  Stelle.  Zunächst  war  dieses  Quartett  ein  Privat- 
Unternehmen  der  vier  Herren,  allein  sehr  bald  erzielten  sie  so  grosse  Erfolge,  dass  die  Gewandhaus- 
Direktion  sich  veranlasst  sah,  das  ganze  Quartett  für  die  Kammermusik- Abende  zu  engagiren.  Seit 
dieser  Zeit  hat  sich  die  Einrichtung  erhalten,  dass  in  denselben  zwei  Quartett -Vereinigungen  alterniren, 
eines,  das  aus  Mitgliedern  des  Orchesters  besteht  (Lewinger,  Rother,  Unkenstein,  Wille),  und  eines,  das 
aus  Lehrern  am  Conservatorium  (Brodski,  Becker,  Sitt,  Klengel)  bestand.  Die  Kammermusik -Abende 
dieser  Zusammenstellung  möchten  wir  als  den  Glanzpunkt  der  Leipziger  Kammermusik-Aufführung'en 
bezeichnen.  Brodski  war  ein  Quartettspieler  par  excellence  und  brachte  mit  derselben  Virtuosität  die 
grossen  Gedanken  Beethovens  wie  den  naiven  Humor  Haydns  zur  Geltung. 

Aber  auch  hier  trat  sehr  bald  ein  Wechsel  ein;  Herr  Kapellmeister  Sitt  trat  von  der  Bratsche 
zurück,  die  von  Nowazek  übernommen  wurde,  und  Herr  H.  Becker  (der  Sohn  Jean  Beckers)  trat  als 
zweiter  Geiger  ein.  Auch  diese  Zusammenstellung  hatte  leider  keinen  langen  Bestand,  denn  Brodski 
ging  nach  Amerika,  wo  er  indess  nicht  lange  aushielt.  Er  übernahm  dann  dm  erste  Violinlehrer-Stelle 
am  Conservatorium  in  Manchester,  wo  er  wiederum  ein  Quartett  zusammeng'estehi  hat,  auf  das  wir  später 
zurückkommen  werden. 


1 2 


Allegro  confcrlo. 


A.  Brodski.  H.  Becker.  J.  Klengel.  O.  Nowarek. 

Das  Brodski-Quartett. 


1 3 


Das  Berber-Quartett. 


Nachdem  Adolph  Brodski  Leipzig  verlassen  hatte,  um  eine  glänzende  Stellung  in  New 
York  anzutreten,  trat  Herr  Konzertmeister  Hilf  sowohl  •  im  Conservatorium  als  Lehrer 
wie  auch  im  Quartett  als  erster  Geiger  an  seine  Stelle,  und  in  der  damaligen  Zusammen¬ 
stellung  Hilf-Becker-Nowazek-Klengel  ist  das  Quartett  drei  Jahre  lang  geblieben.  Nachdem 
aber  Konzertmeister  Röntgen,  der  direkte  Nachfolger  Davids  als  Konzertmeister  am 
Theater-  und  Gewandhaus-Orchester,  gestorben  war,  machte  sich  die  Neubesetzung  dieser  Stellung 
nothwendig,  und  die  Wahl  fiel  auf  Herrn  Felix  Berber,  ein  früherer  Schüler  Brodskis  und  später 
Konzertmeister  in  Magdeburg.  Herr  Konzertmeister  LIilf,  der  seiner  Neigung  nach  wohl  in  erster 
Linie  Solist  ist,  trat  von  der  ersten  Geige  beim  Quartett  zurück  und  mit  ihm  traten  auch  die  Herren 
IL  Becker  und  Schäfer  (der  schon  für  Herrn  Nowazek  als  Bratschist  eingetreten  war)  aus,  und  für 
dieselben  traten  die  Herren  Alfred  Wille  (2.  Violine)  und  Alexander  Sebald  (Viola)  ein,  so  dass 
auch  dieses  Quartett,  bis  auf  den  Grundpfeiler  Julius  Klengel,  ein  unbestrittener  Meister  sowohl  als 
Solist  wie  als  Quartettspieler,  einer  vollständigen  Umwälzung  unterworfen  worden  ist. 

Herr  Konzertmeister  Berber  war  als  Schüler  des  Conservatoriums  eine  für  das  Institut  epoche¬ 
machende  Erscheinung  und  hat  sich  seit  seinem  Abgang  einen  bedeutenden  Ruf  als  Solist  erworben. 
Was  die  Leistungen  des  nun  unter  seiner  Führung  stehenden  Quartetts  anlangt,  so  kann  man  zunächst 
nur  sagen,  dass  es  bei  der  ersten  Aufführung  sich  die  Sympathien  des  Publikums  im  Fluge  erobert  hat. 
Hoffen  wir,  dass  die  jetzige  Zusammenstellung  des  Quartetts  nun  recht  lange  von  Bestand  sein  wird. 


14 


J.  Klengel.  A.  Sebald.  F.  Berber. 

Das  Berber-Quartett. 


Die  Wiener  Quartette. 


Die  Hellmesberger-Quartette. 


ie  Geschichte  des  öffentlichen  Quartett- 
spielens  in  Wien  beginnt  wahrschein¬ 
lich  mit  dem  1805  zuerst  aufgetretenen 
Quartette  Schuppanzigh.  Mayseder, 
Schuppanzighs  Schüler,  spielte  zweite 
Geige  und  die  fürstlich  Lobkowitz’schen  Kammer¬ 
musiker  Schreiber  und  Kraft  Viola  und  Cello.  Die¬ 
sem  folgten  dann  die  Quartette  Böhm  und  Jansa  und 
schliesslich,  1849,  das  Quartett  Hellmesberger,  wel¬ 
ches  über  ein  Vierteljahrhundert  lang  das  öffentliche 
Quartettspielen  in  Wien  gewissermassen  monopolisirte. 
Man  hätte  es  beinahe  das  k.  k.  privilegirte  erste  öster¬ 
reichische  Streichquartett  nennen  können.  Es  bestand 
zuerst  aus  den  Herren  Joseph  Hellmesberger, 
M.  Durst,  C.  Heissler  und  C.  Schlesinger.  Im 
Laufe  der  Jahre  wechselten  die  Vertreter  der  Mit¬ 
telstimmen  und  des  Cello  fortwährend;  wir  sehen 
nacheinander  die  Cellisten  A.  Borzaga,  Cossmann, 
Heinrich  Rover,  David  Popper,  R.  Hummer, 
Hilpert,  den  entsprungenen  „Florentiner“  J.  Sulzer 
und  1883  Ferdinand  Hellmesberger.  Nach  dem 


16 


H.  Rover.  J.  Hellmesberger. 

S.  Bachricb.  J.  Hellmesberger  jun. 


Das  ältere  Hellmesberg'er-Quartett. 


Bratschisten  Heissler  erscheint  J.  Dobyhal, 
hierauf  S.  Bachrich,  J.  Maxinsak,  zuletzt 
J.  Egghard.  Die  zweite  Violine  übernahm  nach 
Durst  C.  Hoffmann,  später  D.  Krancsevics,  A. 
Brodski  und  1872  J.  Hellmesberger  jun.  Im  Jahre 
1 887  hat  sich  das  alte  Quartett  vollständig  zum  jungen 
umgewandelt,  und  in  dieser  Gestalt  besteht  es  noch  jetzt. 

Joseph  Hellmesberger,  nach  seines  Vaters  Tode 
nicht  mehr  Junior,  ist  das  Haupt,  Ferdinand  Hell¬ 
mesberger  der  Fuss,  und  die  nützlichen  Arme  sind 
Th.  Schwendt  und  J.  Egghard.  Das  Quartett  giebt 
alljährlich  sechs  Kammermusikabende  im  Bösendorfer¬ 
saal  und  findet  stets  ein  theilnehmendes  Publikum, 
das  gern  in  Erinnerungen  schwelgt.  Sein  hervor¬ 
stechendster  Zug  ist  die  Pietät.  Es  wandelt  die  vom 
Vater  vorgezeichneten  Bahnen,  und  weil  es  nach  rück¬ 
wärts  auf  die  Wege  blickt,  die  der  alte  Romantiker 
Hellmesberger  gegangen,  wird  es  das  „Klassische“ 
genannt. 

Haydn,  Mozart  und  Beethoven  sind  seine  Haupt¬ 
götter.  Ab  und  zu  weitet  es  auch  die  Pforten  und 
Herzen ,  um  frischen  Luftzug  einströmen  zu  lassen. 

In  den  anderen  Wiener  Quartetten  wie  Rose, 
Winkler,  Fitzner,  Prill,  Soldat,  sowie  den  öfter  in 
Wien  gastirenden  „Böhmen“,  sind  ihm  mächtige 
Konkurrenten  entstanden,  welchen  es  glücklicher¬ 
weise  zu  trotzen  im  Stande  war. 


A.  Ehrlich.  Das  Streichquartett. 


■7 


J.  Egghard.  F.  Hellmesberger.  J.  Hellmesberger.  T.  Schwendt. 

Das  jüngere  Hellmesberger-Quartett. 

3 


Das  Rose-Quartett. 


i.w  .y^ :  uch  dieses  Quartett  hat,  wie  da?  ältere  Hellmesberger’sche,  bezüglich  seiner  Zusammenstellung 
mehrere  Wandlungen  durchgemacht.  Es  wurde  von  Herrn  Konzertmeister  Rose  ein  Jahr 
nach  seiner  Anstellung  als  Konzertmeister  bei  der  Wiener  Hooper,  also  1883,  gegründet  und 
besteht  jetzt  aus  den  Herren  Arnold  Rosö  (1.  Violine),  Albert  Bachrich  (2.  Violine), 
Hugo  von  Steiner  (Viola)  und  Reinhold  Hummer  (Cello).  Unser  Bild  dagegen  stammt 
aus  einer  früheren  Zeit  und  zeigt  die  Zusammenstellung:  A.  Rose  (1.  Violine),  August  Siebert  (2.  Violine), 
der  jetzt  bei  dem  neu  begründeten  Prill-Quartett  als  zweiter  Geiger  mitwirkt,  Hugo  von  Steiner  (Viola) 
und  Reinhold  Hummer  (Cello).  Alle  vier  sind  Mitglieder  des  Wiener  Hofopern-Orchesters  und,  wenn 
wir  nicht  irren,  auch  ehemalige  Schüler  des  Wiener  Conservatoriums.  Bei  so  anerkannt  tüchtigen  Kräften 
ersten  Ranges,  wie  es  die  vier  Herren  sind,  kann  selbstverständlich  bezüglich  des  Zusammenspiels  nur 
das  Vollendetste  geleistet  werden,  und  die  grosse  Beliebtheit  dieser  Quartett-Vereinigung  in  Wien  spricht 
am  deutlichsten  dafür,  in  welchem  Grade  diesen  Erwartungen  entsprochen  wird.  Das  Quartett  veran¬ 
staltet  jährlich  sechs  bis  acht  Kammermusik-Soireen,  oft  unter  Mitwirkung  anderer  Künstler  (Clavier- 
spieler,  Bläser  etc.),  und  bringt  viele  Novitäten. 

Obgleich  alle  vier  Herren  in  dem  kaiserlich  königlichen  Hofopern-Orchester  angestellt  sind,  hat 
das  Quartett  doch  schon  ausgedehnte  Reisen  unternommen  und  überall  bei  seinem  Auftreten  die  grössten 
Erfolge  erzielt. 


18 


— 1== 


m 


A.  Rose.  A.  Siebert.  H.  von  Steiner.  R.  Hummer. 

Das  Rose -Quartett. 


19 


Das  Prill-Quartett. 


as  grosse  Interesse,  welches  neuerdings  in  Wien  der  Kammermusik  zugewendet  wird,  ein 
Umstand,  der  von  allen  Musikfreunden  mit  Freuden  begrüsst  werden  muss,  hat  zur  Gründung 
eines  weiteren  Streich-Quartetts  geführt,  in  welchem,  wie  die  „Neue  Freie  Presse“  nach  der 
3  ersten  Aufführung  sagte,  den  älteren  Vereinigungen  ein  gefährlicher  Rivale  entstanden  ist. 
Dies  ist  auch  in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  denn  wo  Herr  Konzertmeister  Prill  die  erste 
Violine  spielt,  kann  man  sicher  sein,  dass  auch  nur  gute  Musik  gemacht  wird.  Aus  der  denkbar  besten 
Schule  (E.  Wirth,  Joachim)  hervorgegangen,  ohne  irgend  welche  Manierirtheit  in  seinem  Spiele,  ist  Herr 
Konzertmeister  C.  Prill  der  richtige  Mann,  um  ein  tüchtiges,  normales  Streichquartett  zu  leiten  und  zu 
hoher  V ollkommenheit  zu  bringen.  Was  dieses  Quartett  auch  spielt,  man  kann  sicher  sein,  dass  es 
niemals  ein  Tempo  vergreifen  wird,  wie  das  leider  seitens  anderer  Quartette  nicht  selten  geschieht. 

Das  Quartett  besteht  aus  den  Herren  Professor  und  Konzertmeister  C.  Prill  (früher  am  Leipziger 
Gewandhaus  und  vorher  in  Magdeburg);  August  Siebert,  Schüler  des  „alten“  Hellmesberger,  und  früher 
zweiter  Geiger  des  Rose- Quartetts;  Anton  Ruzitska,  Schüler  des  Prof.  J.  Grün,  und  Joseph  Sulzer 
(Cello),  ehemaliger  Schüler  des  Wiener  Conservatoriums  und  Solo-Cellist  des  k.  k.  Hofopern -Orchesters, 
welchem  auch  die  andern  drei  Herren  angehören. 

Die  öffentliche  Thätigkeit  dieses  Quartetts  ist  zunächst  noch  zu  jung,  um  ein  einigermassen  ver¬ 
lässliches  Urtheil  über  seine  Leistungen  im  Vergleich  mit  anderen  ähnlichen  Vereinigungen  zu  ermöglichen. 
Nach  den  ersten  Konzerten  aber  zu  urtheilen,  hat  es  sich  sehr  schnell  in  der  Gunst  des  Wiener  Pub¬ 
likums  festgesetzt.  Man  kann,  im  Interesse  der  Pflege  der  Kammermusik,  den  Wienern  zu  einer  so 
ausgezeichneten  Vereinigung  nur  gratuliren. 


20 


C.  Prill.  J.  Sulrcr.  A.  Ruzitska.  A.  Siebcrt. 

Das  Prill-Quartett. 


21 


Das  Fitzner- Quartett 


wird  oft  darüber  geklagt,  dass  die  Pflege  der  Kammermusik  nicht  mehr  das  sei,  was 
sie  vor  fünfzig,  sechzig  Jahren  war.  Die  Klage  ist  aber  nur  in  Bezug  auf  den  pro- 
duzirenden  Musiker  berechtigt,  der  reproduziren de  hat  heute  ein  Feld,  wie  er  es 
noch  nie  gehabt  hat,  und  speziell  das  Streichquartett  florirt  in  einer  noch  nie  dage¬ 
wesenen  Weise.  In  Berlin  existiren  drei  Quartette,  in  Leipzig  zwei,  in  München, 
Frankfurt,  Stuttgart,  Hannover  je  eines,  in  Hamburg,  Dresden  je  zwei,  und  in  Wien  nicht  weniger 
als  sieben.  Gerade  in  Wien  war  das  Interesse  für  Kammermusik  in  den  sechziger  und  siebziger 
Jahren  vollständig  verschwunden  ur.d  die  öffentlichen  Aufführungen  beschränkten  sich  im  Wesent¬ 
lichen  auf  das  Quartett  Hellmesberger.  Heute  bestehen  neben  diesem  (d.  h.  dem  jüngeren)  die 
Quartette  Rosd,  Winkler,  Soldat-Roeger,  Duesberg,  Fitzner  und  Prill,  und  dabei  sind  auch  noch 
die  Konzerte  der  regelmässig  in  jedem  Jahre  erscheinenden  „Böhmen“,  sowie  des  Joachim’schen 
Quartetts  ausgezeichnet  besucht.  Das  Fitzner-Quartett,  das  wir  hier  bringen,  veranstaltet  in 
jedem  Jahre  vier  bis  fünf  Soireen.  Es  besteht  aus  den  Herren  R.  Fitzner  (i.  Violine),  J.  Czerny 
(2.  Violine),  O.  Zert  (Viola)  und  F.  Buxbaum  (Cello). 

Rudolf  Fitzner,  ein  Oesterreicher  und  Schüler  des  Wiener  Conservatoriums  (Prof.  J.  Grün), 
war  einige  Jahre  als  Konzertmeister  im  Auslande  thätig,  wurde  i8go  Solist  der  Marine-Musik  in 
Pola,  und  kam  1894  nach  Wien,  wo  er  das  Quartett  gründete.  Jaroslaw  Czerny  ist  ein  Böhme 
aus  Dux  und  Schüler  des  Prager  Conservatoriums.  Er  war  ebenfalls  bei  der  Marine-Musik  in 
Pola,  dann  Mitglied  der  Strauss’schen  Kapelle,  später  des  Symphonie- Orchesters  in  New  York. 
Otto  Zert  aus  Agram  war,  wie  Fitzner,  ein  Schüler  Prof.  J.  Grüns  und  ist  gegenwärtig  Mitglied 
des  k.  k.  Hof-Opernorchesters.  Friedrich  Buxbaum  endlich,  ein  Wiener,  ebenfalls  Schüler  des 
dortigen  Conservatoriums  (Prof.  Hellmesberger),  beendete  daselbst  seine  Studien  im  Jahre  1869,  wurde 
Solo-Cellist  an  dem  Symphonie-Orchester  in  Glasgow  (Schottland)  unter  Aug.  Manns  und  trat 
während  zweier  Jahre  öfters  in  London  als  Solist  auf. 

Das  Quartett  hat  während  der  verhältnissmässig  kurzen  Zeit  seines  Bestehens  schon 
bedeutende  Erfolge  aufzuweisen  und  machte  ausgedehnte  Reisen  in  Oesterreich-Ungarn,  der  Schweiz, 
Rumänien,  nach  London  und  Berlin.  Neben  den  Klassikern  bringt  das  Quartett  in  jeder  Soiree 
eine  Novität,  und  kann  mit  Stolz  sagen,  dass  es  Werke  von  Glazounow,  Zemlinsky,  Henschel,  Fink, 
Dvoriks  herrliches  Es  dur-Quintett,  Dohnany,  Zellner  u.  s.  w.  in  Wien  zuerst  aufführte. 


F.  Burbaum. 


J.  Czerny. 


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Das  Fitzner-Quartett. 


23 


Das  Soldat-  Roeger- Quartett. 


ie  in  jedem  anderen  Beruf,  so  beginnt  auch  in  der  Kunst  die  „Frauenfrage“  eine  Rolle  zu  spielen. 
Zunächst  bemächtigten  sich  die  Damen  des  Claviers.  Sie  theilen  sich  in  dessen  Meisterung 
heute  ziemlich  gleichmässig  mit  dem  stärkeren  Geschlechte.  Hierauf  wandten  sie  sich  auch 
dem  Violinspiel  zu.  Die  Anzahl  der  weiblichen  Meister  auf  diesem  Instrumente  ist  vorläufig 
noch  eine  relativ  kleine.  Sie  steigt  jedoch  fortwährend.  Die  Zahl  der  Virtuosen  auf  dem  Violon¬ 
cello,  dem  sie  sich  später  ebenfalls  zuwendeten,  ist  naturgemäss  eine  noch  kleinere.  In  Gartenkonzerten  von 
Damen -Orchestern,  deren  Erfolge  mehr  auf  der  Erscheinung  als  auf  der  Leistung  beruhen,  sind  wohl  auch 
schon  Contrabassistinnen  und  Bläserinnen  zu  sehen.  Man  kann  eigentlich  keinen  rechten  Grund  anführen, 
warum  die  Damen  nicht  auch  blasen  sollten,  aber  es  wird  einem  doch  schwer,  sich  eine  Dame  mit  dem 
Fagott  oder  der  Basstuba  vorzustellen.  Damen-Orchester  giebt  es  nun  schon  eine  ganze  Reihe,  und  auch  einige 
Damen -Streichquartette,  unter  denen  das  Quartett  Soldat -Roeger  jedenfalls  den  ersten  Rang  einnimmt.  Es 
besteht  aus  den  Damen  Marie  Soldat-Roeger  (i.  Violine),  eine  der  hervorragendsten  Künstlerinnen,  die  wir 
jetzt  haben,  Frau  Finger-Bailetti  (2.  Violine),  Frau  Lechner-Bauer  (Viola)  und  Miss  Campbell  (Cello). 
Letztere,  eine  Amerikanerin,  ist  Schülerin  von  Professor  Hausmann  in  Berlin.  Die  Damen  Soldat-Roeger 
und  Finger-Bailetti  sind  Schülerinnen  der  Hochschule  in  Berlin,  während  Frau  Bauer-Lechner  eine  Schülerin 
Hellmesbergers  ist.  Dieses  Quartett  und  das  sogenannte  Shinner-Quartett,  nach  der  Vertreterin  der  ersten 
Geige,  Miss  Emily  Shinner  (jetzt  Mrs.  Liddell)  so  genannt,  sind  in  London  wohl  die  ersten  Streich-Quartette, 
die  nur  aus  Damen  bestehen.  Das  Soldat- Roeger- 
Quartett  errang  auf  seinen  Reisen  grosse  Erfolge 
und  hat  jedenfalls  noch  eine  bedeutende  Zukunft. 


21 


Das  Soldat-Roeger-Damen -Streichquartett. 


A.  Ehrlich.  Drs  Streich  *  Quartett. 


4 


Das  Quartett  Duesberg. 


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—  "-"^Vntcr  den  verschiedenenen  Quartettvereinigungen,  welche  die  österreichische  Kaiserstadt  besitzt, 
B  ist  auch  das  am  i.  Februar  1890  gegründete  „Quartett  Duesberg“  zu  nennen.  Ursprünglich 


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»|  hiess  es  „Erstes  Wiener  Volksquartett  für  klassische  Musik“  und  bestand  aus  den  Herren 
■S  Duesberg,  Paudler,  Heldenberger  und  Grienauer.  Hierauf  folgte  im  Jahre  1891  die 
ü  Zusammensetzung:  Duesberg,  Frl.  Kurz,  Frl.  von  Baumgarten  und  Anton  G  schöpf. 
Für  den  Letzteren  trat  von  1896 — 98  Anton  Barthlme  ein.  Seit  dem  Beginn  der  Saison  1898 — 99 
besteht  das  Quartett,  welches  vom  Jahre  1895  an  den  Namen  „Quartett  Duesberg“  führt,  aus  den  Herren 
August  Duesberg  (1.  Violine),  Hans  Matlocha  (2.  Violine),  Raimund  Pirschl  (Viola)  und  Otto 
Krist  (Cello).  Herr  August  Duesberg  ist  1867  zu  Gelsenkirchen  in  Westfalen  geboren.  Er  studirte 
bei  Wilhelmy,  an  den  Musikschulen  zu  Würzburg,  Wien  und  Brüssel  (Ysaye).  Im  Jahre  1888  ging  er 
nach  Italien,  wo  er  als  Konzertmeister  thätig  war.  und  kehrte  1889  nach  Wien  zurück,  wo  er  seitdem 
dauernd  ansässig  und  Direktor  der  gleichnamigen  Musikschule  ist. 

Herr  Hans  Matlocha  ist  1876  zu  Wien  geboren  und  studirte  am  Wiener  Conservatorium  bei 
Josef  Hellmesberger. 

Herr  Raimund  Pirschl  ist  1873  zu  Brünn  geboren,  absolvirte  die  dortige  Musikschule  und  studirte 
dann  am  Wiener  Conservatorium  bei  Josef  Hellmesberger. 

Herr  Otto  Krist,  geboren  1874  zu  Wien,  studirte  am  Wiener  Conservatorium  bei  Professor  Hummer. 

Ein  Programm  des  Quartetts  aus  neuester  Zeit,  welches  uns  vorliegt,  zeigt,  dass  es  besonders 
auf  Popularisirung  der  Kammermusik  hinarbeitet.  Es  spricht  sich  dieses  lobenswürdige  Ziel  nicht 
nur  durch  die  Wahl  des  Aufführungstages,  eines  Sonntags,  sondern  auch  in  der  Bemessung  der  niedrig 
gehaltenen  Eintrittspreise  aus,  wodurch  dem  grösseren  Publikum  die  Theilnahme  an  wirklichen  Kunst¬ 
genüssen  erleichtert  wird. 

Diese  Massnahmen  sind  denn  auch  von  grossem  Erfolge  gewesen,  und  es  wäre  gewiss  zu  wün¬ 
schen,  dass  aller  Orten  gleiche  Rücksichten  auf  die  bildungsfähigen,  weniger  bemittelten  Kreise  ge¬ 
nommen  würde.  Die  Verallgemeinerung  edlen  Kunstinteresses  müsste,  konsequent  durchgeführt,  ein 
beachtenswerther  Beitrag  zur  Lösung  der  auf  den  Volksmassen  lastenden  sozialen  Frage  genannt  werden. 
Das  Quartett  Duesberg  hat  in  seinem  achteinhalbjährigen  Bestände  in  Wien  170  Konzerte  gegeben. 
Dazu  kommen  noch  50 — 60  Konzerte,  welche  auf  die  Provinz  entfallen. 


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26 


Das  Winkler’sche  Quartett. 


Cyrn  ,-m-ft— y- 


Hinter  den  musikalischen  Ereignissen  Wiens  nimmt  dieses  Quartett  eine  eigene  und  bevorzugte 
||  Stellung  ein.  Ohne  mit  grossen  Fanfarenstössen  annoncirt  zu  werden  geniesst  es  doch  den 
sjj  Ruf,  dass  von  ihm  nur  die  beste  Musik  in  bester  Ausführung  gemacht  wird,  und  was  zur 
fl1)  musikalischen  Welt  gehört,  versammelt  sich  dort.  Für  den  bewanderten  routinirten  Dilettanten 
W}  im  Quartettspielen  besitzt  es  noch  eine  ganz  besondere  Empfehlung  darin,  dass  Herr 
Julius  Winkler,  der  das  Quartett  leitet,  ein  begeisterter  Haydn-Verehrer  ist  und  keine  Saison  vorüber¬ 
gehen  lässt,  ohne  ein  oder  ein  paar  der  weniger  bekannten  Haydn’schen  Quartette  zum  Vortrage  zu 
bringen.  Wer  seinen  Haydn  genau  kennt,  weiss,  dass  auch  diese,  die  von  vielen  noch  vor  einigen  Jahren 
mit  einer  gewissen  Geringschätzung  behandelt  wurden,  wahre  Perlen  der  Kammermusik  enthalten,  und  es 
ist  daher  ein  nicht  genug  anzuerkennendes  Verdienst  des  Herrn  Winkler,  dass  er  treu  bei  seinem  Vorsatz 
bleibt,  gerade  die  weniger  bekannten  Haydn’schen  Quartette  einem  kunstliebenden  Publikum  vorzuführen 
und  auf  diese  Weise  dem,  man  kann  sagen  Erfinder  des  Streichquartetts,  zu  der  allgemeinen  Anerkennung 
zu  verhelfen,  die  ihm  gebührt,  und  die  ihm  durch  die  moderne  Neigung,  das  Streichquartett  in  Bahnen 
zu  drängen,  für  die  es  nicht  geeignet  ist,  vorenthalten  wird. 

Das  Quartett  besteht  aus  den  Herren  Julius  Winkler  (i.  Violine),  ein  geborener  Ungar  aus 
Raab,  Fritz  Wahle  (’.  Violine),  Alfred  Finger  (Viola)  und  Alexander  Timpel  (Cello),  denen  sich 
auf  unserem  Bilde  noch  Plerr  Hugo  Reinhold,  der  Clavierspieler,  anschliesst.  Die  Herren  sind  mit 
Ausnahme  des  Herrn  Winkler  sämmtlich  Wiener,  und  mit  Ausnahme  des  Herrn  Finger,  der  bei  Joachim 
in  Berlin  studirte,  Schüler  des  Wiener  Conservatoriums.  Das  Quartett  besteht  seit  über  zehn  Jahren 
und  giebt  jährlich  sechs  Konzerte. 


28 


J.  Winkler.  A.  Finger.  H.  Reinhold.  A.  TimpcI. 


Das  Winkler-Quartett. 


29 


Op.  131. 


Adagio  raa  non  troppo e molto espr. 


Das  Joachim’sche  Quartett 


J^!?^5|||jbgleich  es  heutzutage  in  fast  jeder  grösseren  Stadt 
1  Deutschlands  wenigstens  ein  ständiges  gutes 
Streich- Quartett  giebt,  das  regelmässig  Kammer¬ 
musik-Soireen  veranstaltet,  so  hat  doch  diese  Kon¬ 
kurrenz  nicht  vermocht,  an  dem  Ruhme  des 
Joachim’schen  Quartetts  etwas  zu  ändern.  Es  ist  möglich, 
dass  andere  Quartett -Vereinigungen  dasselbe  in  der  Vollen¬ 
dung  seiner  Leistungen  erreichen,  oder  auch  die  Werke  einiger 
Komponisten  mit  mehr  äusserlichem  Effekt  zu  Gehör  bringen, 
allein,  im  Grossen  und  Ganzen  kann  man  von  dem  Joachim’¬ 
schen  Quartett  sagen,  dass  es  die  absoluteste  Vollendung  des 
Quartettspielens  repräsentirt.  Eine  Spezialität  bezüglich  der 
aufzuführenden  Kompositionen  hat  es  nicht,  denn  das  Joachim’¬ 
sche  Quartett  spielt  so  ziemlich  Alles,  vielleicht  mit  Ausnahme 
der  Werke  der  ganz  modernen  Russen,  aber  es  hat  eine 
Eigenart,  die  höher  steht,  als  alle  momentanen  äusserlichen 
Erfolge,  das  ist  die  absolute  Lauterkeit  in  Bezug  auf  die 
Auffassung,  eine  Eigenart,  die  man  jetzt,  wo  neun  Zehntel 
aller  künstlerischen  Bestrebungen  nur  auf  den  Effekt  aus¬ 
gehen,  nicht  hoch  genug  anschlagen  kann.  Niemals  wird 
man  bei  Aufführungen  des  Joachim’schen  Quartetts  auch  nur 
den  geringsten  Versuch  wahrnehmen,  auf  Kosten  der  Inten¬ 
tionen  des  Komponisten,  durch  übertriebene  Tempi  oder 
dergleichen,  Effekt  zu  machen. 

Es  ist  das  selbstverständlich  in  erster  Linie  auf  seinen 
Führer,  Joseph  Joachim,  dem  stets  nur  die  Intentionen  des 
Komponisten  und  das  Hehre  der  Kunst  massgebend  waren, 
zurückzuführen.  Allein,  man  darf  darüber  nicht  vergessen,  dass 
wohl  niemals  ein  Quartett  bestanden  hat,  bei  dem  jede  der  vier 
Stimmen  so  besetzt  worden  ist,  wie  hier.  Es  dürfte  zunächst 


30 


J.  Joachim.  R.  Hausmann.  E.  Wirth.  de  Alma. 

Das  Joaehim’sehe  Quartett  (Berlin). 


wohl  niemals  einen  solchen  zweiten  Geiger  wie  den 
leider  so  früh  verstorbenen  liebenswürdigen  de  Ahna, 
gegeben  haben,  der  in  dem  Rufe  stand,  der  bedeutendste 
Interpret  des  Beethoven’schen  Konzertes  zu  sein.  (Nach 
de  Ahnas  Tode  wurde  seine  Stelle  durch  den  ihm 
gleichstehenden  Herrn  Konzertmeister  Kruse  und  neuer¬ 
dings  durch  Herrn  Professor  Halir  besetzt).  Die  zweite 
Geige  ist  leider,  so  wichtig  ihre  Rolle  ist,  immer  das 
Stiefkind  eines  jeden  Quartettes;  es  gehört  zu  ihrer 
Besetzung,  um  nichts  zu  verderben,  ein  ausgezeichneter 
Musiker,  der  aber  nur  wenig  Gelegenheit  hat  sich  aus¬ 
zuzeichnen.  Wer  nun  so  tüchtig  ist,  wirklich  ausge¬ 
zeichnet  zweite  Geige  zu  spielen,  dem  genügt  sie  meist 
nicht,  er  will  die  erste  spielen,  und  seine  Auffassung 
durchsetzen.  Das  ist  eine  alte  Erfahrung,  die  sich  bei 
vielen  Künstler- Quartetten  und  bei  allen  Dilettanten- 
Quartetten  wiederholt,  und  so  kommt  es,  dass  die  zweite 
Geige  meist  mit  einer  verhältnissmässig  schwachen  Kraft 
besetzt  wird.  Vorzügliche  Violaspieler  sind  schon  weniger 
selten,  schon  weil  die  Viola-Stimme  meist  interessanter 
ist,  als  die  zweite  Geige  und  es  beinahe  zur  Tradition 
geworden  ist,  dass  man  sich,  wenn  man  Viola  spielt, 
nichts  vergiebt  (Mozart  und  Mendelssohn  haben  auch 
Bratsche  gespielt,  sagt  sich  Jeder).  Allein  auch  hierin 
weist  das  Joachim’sche  Quartett  eine  hervorragende 
Erscheinung  in  Herrn  Professor  E.  Wirth  auf,  der,  ehe 
er  seinen  Schwerpunkt  auf  das  Lehren  legte,  ein  aus¬ 
gezeichneter  Solist  war  und  noch  ist,  nur  befasst  er 
sich  jetzt  selten  mit  Solospiel,  da  ihm  seine  ange¬ 
strengte  Lehrthiitigkeit  an  der  Hochschule  dazu  keine 
Zeit  lasst.  Mit  Herrn  Professor  R.  Hausmann,  einem 
Meister  seines  Instrumentes,  am  Cello,  gestaltet  sich 
dieses  Quartett  in  der  Besetzung  der  einzelnen  Stimmen 
als  das  vollendetste,  das  es  bisher  gegeben. 

Wenn  der  Deutsche  vom  Joachim’schen  Quartett 
spricht,  so  versteht  er  das  hier  besprochene.  Es  giebt 
aber  noch  ein  zweites  „Joachim’sches“  Quartett,  nämlich 
das  Londoner,  das  Herr  Professor  Joachim  in  jedem 


L.  Ries. 


A.  Piattl. 


Das  Joaehim’sehe  Quartett  (London). 


I 


Jahre  in  den  sogenannten  „Monday  Populär  Concerts“,  die  leider  eingegangen 
sind,  anführte  und  das  nicht  weniger  bedeutend  ist  als  das  deutsche.  Es  bestand 
im  Anfang  aus  den  Herren  Professor  Joachim,  L.  Ries,  Webb  und  Alfred 
Piatti.  Später  trat  an  Stelle  des  Herrn  Webb  Herr  Ludwig  Strauss  ein,  und 
diese  Zusammensetzung  stellt  unser  Bild  dar.  ' 

Da  Professor  Joachim  meist  nur  von  Ende  Januar  bis  Ende  März  in 
London  sein  konnte,  so  haben  in  der  ersten  Hälfte  der  Saison  verschiedene 
Künstler  an  der  ersten  Geige  gewirkt,  u.  A.  Frau  W.  Normann-Neruda  (Lady 
Halle),  Ysaye,  Professor  Kruse,  etc. 

Das  erste  Konzert  der  sogenannten  Monday  Populär  Concerts  fand  am 
14.  Februar  1859  statt.  Im  Wesentlichen  bestand  das  Streich- Quartett  in  den 
ersten  Jahren  aus  den  Herren  Joachim,  Ries,  Webb  und  Piatti,  wobei  aber  in 
der  ersten  Geige  öfters  Wechsel  eintrat.  Ausser  Professor  Joachim  haben 
Wieniawski,  Vieuxtemps,  Sainton,  Molique,  Sivori,  Ludwig  Strauss 
und  die  schon  erwähnte  Wilma  Normann-Neruda  (Lady  Halle)  hier  gewirkt 
Als  der  Violaspieler,  Herr  Webb,  starb,  wurde  dessen  Stelle  von  den  Herren 
Doyle,  Blagrove,  Hollaender  und  zuletzt  von  Herrn  L.  Strauss  übernommen,  der 
sie  auch  zuletzt  noch  inne  hatte.  Ununterbrochen  während  neununddreissig 
Jahren  hat  Herr  L.  Ries  die  zweite  Geige  und  eben  so  lange,  nur  mit  einigen 
Unterbrechungen  Signor  A.  Piatti  das  Cello  gespielt.  In  den  letzten  Jahren 
wurde  die  erste  Geige  ziemlich  gleichmässig  durch  Lady  Halle  und  Professor 
Joachim  vertreten. 

Auf  dem  hier  gegebenen  Bilde  sehen  wir  auch  Sir  Charles  Halle,  den 
Gatten  der  ersten  Geigerin,  der  in  England  seit  vielen  Jahren  ansässig  war.  Er 
stand  dort  in  dem  Rufe  ein  ausgezeichneter  Beethovenspieler  zu  sein. 

Obgleich  die  Monday  Populär  Concerts  wegen  mangelnder  Betheiligung 
eingegangen  sind,  so  ist  doch  das  Quartett  in  den  sogenannten  Saturday 
Populär  Concerts  geblieben  und  besteht  jetzt  aus  den  Herren  Professor  Joseph 
Joachim  oder  Lady  Halle  (1.  Violine),  Haydn  Inwards  (2.  Violine),  Gibson 
(Viola)  und  Paul  Ludwig  (Cello).  Es  hat  daher  eine  vollständige  Umwälzung 
erfahren. 


.U 


L.  Ries. 


Lady  Halle. 


Sir  Cb.  Hallt. 


L.  Strauss. 


A.  Piatti. 


Das  Londoner  Quartett 

mit  W.  Normann-Neruda  (Lady  Halle)  und  Sir  Charles  Halle. 


A  Ehrlich.  Da*  Streich  -  Quartett 


33 


Das  Dresdener  Quartett 


jj-'nter  den  deutschen  Quartetten  der  Vergangenheit  nimmt  das  Dresdener  Quartett,  welches 
Jii]  seiner  Zeit  aus  den  Herren  Konzertmeister  J.  Lauterbach  (i.  Violine),  Karl  Hüllweck 
SK  (2.  Violine),  Göring  (Viola)  und  Konzertmeister  Fr.  Grützmacher  (Cello)  bestand,  einen 
hervorragenden  Rang  ein.  Die  Thätigkeit  desselben  fallt  im  Wesentlichen  in  eine  Zeit,  in 
der  das  reisende  Quartett  noch  nicht  so  in  Mode  war  wie  heute,  und  in  Folge  dessen  ist 
dieses  Quartett  im  grossen  Publikum  nicht  so  bekannt  geworden  wie  manches  andere,  das  sicherlich 
nicht  mehr  Anspruch  darauf  hatte.  Diese  Quartett -Vereinigung  wurde  nach  denselben  Prinzipien  geleitet 
wie  das  Joachim’sche,  d.  h.  es  suchte  seine  Bedeutung  nicht  im  Erfolge  um  jeden  Preis,  sondern  in  der 
absoluten  Lauterkeit  seiner  Auffassung.  Keine  gesuchten  Effekte,  keine  übertriebene  Tempi,  mit  einem 
Worte  keine  Extravaganzen  um  Effekt  zu  machen,  ein  reiner,  künstlerischer,  unanfechtbarer  Standpunkt, 
der  vielen  anderen  zu  wünschen  wäre.  Das  Dresdener  Quartett  dürfte  übrigens  eine  Errungenschaft  auf¬ 
zuweisen  haben,  die  es  wahrscheinlich  mit  keinem  anderen  theilt.  Wie  bekannt,  ist  der  sächsische  Hof 
sehr  musikalisch  und  der  König  von  Sachsen  hat  grosses  Interesse  für  Kammermusik.  In  Folge  dessen 
hat  das  Dresdener  Quartett  nicht  weniger  als  60  Mal  „bei  Hofe“  gespielt,  was  wahrscheinlich  weder  bei 
einem  andern  Hofe  noch  bei  einem  andern  Quartette  vorgekommen  sein  dürfte. 


J.  Lautabach.  K.  HüUweck.  L.  G«rmS.  Fr.  GrüUmachrr. 

Das  Dresdener  Quartett. 


35 


Das  Stuttgarter  Quartett. 


begründet  im  Jahre  1 86 1  (erste  Soiree  am  26  Oktober)  hat  dieses  Quartett  im 
Laufe  der  Jahre  in  seiner  Zusammensetzung-  mehriache  Wandlungen  durchge¬ 
macht.  Nur  der  Gründer  des  Quartetts,  Hoflconzertmeister  Edmund  Singer, 
ist  von  der  ersten  Besetzung  noch  am  Pulte  und  wirkt  in  ungeschwächter 
Rüstigkeit  weiter.  Die  erste  Zusammenstellung  bestand  aus  den  Herren  Ed  in. 
Singer  (1.  Violine),  ein  anerkannter  Meister  seines  Instrumentes,  Hofmusiker  Barnbeck, 
(2.  Violine),  Schüler  von  Spohr,  Debuysere  (Viola),  Schüler  von  Molique,  und  Julius 
Goltermann  (Cello).  Später  übernahmen  nach  und  nach  die  Herren  Hugo  Wehrle, 
Professor  Carl  Wien  und  Krumbholz  die  zweite  Geige,  Viola  und  Cello.  Sowohl  in  der 
zweiten  Geige  wie  beim  Cello  traten  abermals  Aenderungen  ein,  indem  die  erstere  von  Elerrn 
Richard  Ivünzel  (Schüler  von  Professor  Singer),  das  Cello  von  Herrn  Cambisius  und 
zuletzt  von  Herrn  Richard  Seitz  (Schüler  J.  Klengels)  übernommen  wurde. 

Das  Quartett  giebt  alljährlich  vier  bis  sechs  Soireen,  spielte  wiederholt  beim  württem- 
bergischen  Hofe  und  hat  auch  öfters  Reisen  unternommen.  Unter  der  Leitung  eines  so 
vollendeten  Kunstmeisters ,  wie  er  sich  in  Edmund  Singer  darstellt,  ist  eine  vollkommene 
und  mustergiltige  Ausführung  selbstverständlich. 

Neben  seiner  Popularität  beim  Publikum  erfreut  sich  diese  Quartett -Vereinigung  einer 
ganz  besonderen  Beliebtheit  bei  Hofe.  Dieselbe  ist  schon  bei  mehreren  festlichen  Gelegenheiten, 
so  bei  der  Vermälung  des  Kronprinzen  von  Rumänien,  wie  ebenfalls  zur  Feier  der  silbernen  Hoch¬ 
zeit  des  Fürsten  von  Hohenzollern  etc.,  aufgetreten. 


.16 


E  Singer.  R.  Seitz. 


C.  Wien.  R.  Künzel. 


Das  Stuttgarter  Quartett. 


37 


Das  Meininger  Quartett. 


er  gute  Ruf,  welcher  den  Meiningern  auf  andern  Kunstgebieten  zur  Seite  steht,  erstreckt  sich 
auch  auf  die  Pflege  der  Kammermusik.  Die  seit  1894  in  nachfolgender  Zusammensetzung 
bestehende  Quartett-Vereinigung  wird  gebildet  durch  die  Herren  Konzertmeister  Bram 
Eldering  (1.  Violine),  August  Funk  (2.  Violine),  Alfons  Abbas  (Viola)  und  Carl  Piening 
(Cello).  Herr  Bram  Eldering  ist  in  Groningen  (Holland)  g'eboren.  Er  studirte  zunächst  bei 
dem  dortigen  Herrn  Poortman  und  später  in  Brüssel  bei  Jenö  Hubay,  erhielt  dort  den  ersten  Preis  und 
später  die  goldene  Medaille  mit  höchster  Auszeichnung.  Darauf  folgte  er  einem  Rufe  nach  Budapest, 
wo  er  zwei  Jahre  lang  dem  Hubay-Popper-Quartett  als  Violaspieler  angehörte.  Sodann  studirte  er  noch 
zwei  Jahre  bei  Herrn  Professor  Joachim.  Nachdem  er  einige  Jahre  dem  Berliner  Philharmonischen 
Orchester  angehört  hatte,  übersiedelte  er  1894  nach  Meiningen,  daselbst  die  Stelle  eines  Konzertmei¬ 
sters  bekleidend.  Sein  Vorgänger  war  dort  Konzertmeister  Fleischhauer. 

Herr  August  Funk  ist  ein  Coburger,  wo  sein  Vater  erster  Hornist  der  Hofkapelle  war.  Er 
genoss  den  Unterricht  von  Jacobi  in  Coburg  und  wurde  dann  Schüler  des  Konzertmeister  Fleischhauer 
in  Meiningen.  Seit  1872  ist  Herr  Funk  Mitglied  der  Hofkapelle  in  Meiningen. 

Herr  Alfons  Abbas,  Sohn  des  ausgezeichneten  Oboebläsers  zu  Liszts  Zeiten,  ist  ein  geborener 
Weimaraner.  Er  war  Schüler  von  August  Kömpel  daselbst.  Im  Jahre  1877  wurde  Herr  Abbas  Mit¬ 
glied  der  Meininger  Hofkapelle. 

Des  Quartetts  Cellist,  Herr  Carl  Piening,  ist  aus  Bielefeld.  Er  studirte  bei  Carl  Schröder  in 
Sondershausen  und  dann  bei  Professor  Robert  Hausmann  (königliche  Plochschule)  in  Berlin.  Seit  1894 
ist  Herr  Piening  Solo-Cellist  der  herzoglichen  Hofkapelle  und  Mitglied  des  Quartetts  in  Meiningen. 

Im  Jahre  1896  machte  das  Quartett  in  Verbindung  mit  dem  ausgezeichneten  Clarinettisten 
Mühlfeld  erfolgreiche  Konzertreisen  durch  Belgien  und  Westdeutschland.  Später  trat  es  auch  in  Holland, 
Antwerpen  und  in  anderen  Städten  auf,  überall  reichsten  Beifall  findend. 


B.  Eldering.  C.  Picning.  A.  Abbas.  A.  Funk. 

Das  Mehliger  Quartett. 


39 


Das  Heckmann’sche  Quartett. 


n  der  Geschichte  der  deutschen  Streichquartette  spielt  das  Heckmann’sche  durch  seine  aus¬ 
gedehnten  Reisen  eine  ziemlich  bedeutende  Rolle.  Heckmann  war  ein  sehr  tüchtiger 
Efi|  Geiger,  wenn  auch  gerade  kein  hervorragender  Virtuos  und  ein  sehr  energischer  Charakter, 
ES®'  in  Folge  dessen  das  Zusammenspiel  des  Quartetts  ein  musterhaftes,  von  keinem  andern 
Quartett  übertroffenes,  vielleicht  sogar  kaum  erreichtes  war.  Schade  nur,  dass  die  Auf¬ 
fassung  Heckmanns  nicht  mit  dieser  musterhaften  Technik  auf  einer  Stufe  stand.  In  seinem  Bestreben, 
wirkungsvolle  Leistungen  zu  bieten,  brachte  er  Nuancen  an,  die  in  den  meisten  Fällen  überflüssig, 
in  vielen  geradezu  schädlich,  um  nicht  zu  sagen  geschmacklos  waren.  Er  mag  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  hierin  durch  seinen  Lehrer  Ferdinand  David,  der  leider  in  den  letzten  Jahren  seiner  Thätigkeit 
beim  Quartettspiel  einer  bedenklichen  Neigung  zum  Effektmachen  um  jeden  Preis  verfiel,  beeinflusst 
worden  sein.  Allein  David  beschränkte  das  auf  einzelne  Effekt -Vortragsstücke,  die  es  zur  Noth  vertrugen, 
während  Fleckmann  nichts  schonte.  Hätte  sich  Heckmann,  anstatt  David,  Joachim  zum  Muster 
genommen,  so  wäre  das  Heckmann'sche  Quartett  vielleicht  für  alle  Zeiten  mustergiltig  gewesen. 

Das  Quartett  wurde  im  Jahre  1872  von  Fleckmann  in  Köln  gegründet  und  zwar  im  Verein  mit  den 
Herren  Otto  Forberg  (2.  Violine),  Franz  Karges  (Viola),  Ferdinand  Grüters  (Cello)  besetzt.  Franz 
Karges  trat  in  Folge  seiner  Anstellung  als  Militärkapellmeister  bald  aus.  Forberg  übernahm  die  Viola  und 
Herr  Wilhelm  Allekotte  trat  als  zweiter  Geiger  ein.  Seine  erste  grössere  Reise  machte  das  Quartett 
nach  Altenburg  im  Jahre  1876  zur  dortigen  Tonkünstler -Versammlung,  wo  aber  der  Cellist  Grüters  schon 
nicht  mehr  dabei  war.  An  dessen  Stelle  war  Herr  Ludwig  Ebert,  der  zugleich  beim  Quartett  des 
Kölner  Gonservatoriums  thätig  war,  eingetreten.  1878  erkrankte  Flerr  Wilhelm  Allekotte  und  sein  Bruder 
Theodor  trat  ein.  Inzwischen  waren  durch  die  Thätigkeit  des  Flerrn  Ebert  in  zwei  Quartetten,  mancherlei 
Reibereien  entstanden,  in  Folge  dessen  im  Jahre  1880  an  Stelle  desselben  R.  Bellmann  als  Cellist  eintrat. 
Später,  1891,  siedelte  Heckmann  nach  Bremen  über,  wo  er  ein  neues  Quartett  gründete  und  zwar  mit  den 
Herren  Wittenberg,  Pfitzner  und  Joh.  Smith,  dem 
jetzigen  fürstlichen  Kammermusiker  in  Bückeburg.  Heck¬ 
mann  ist  1891  in  Glasgow  an  der  Influenza  gestorben. 


40 


R.  Ilcckmann.  O.  Forbcrg.  F.  Allekottc.  R.  Bellmann. 


Das  Heekmann’sehe  Quartett. 


A.  Ehrlich.  Da»  Streich  -  Quartett. 


41 


6 


Das  Kölner  Quartett 


las  „Kölner“  oder  „Gürzenich“-Quartett,  das  s.  Z.  von  Heckmann  zwar  nicht  begründet  wurde, 
aber  doch  zuerst  zu  grösserer  Berühmtheit  gelangte,  besteht  heute  aus  den  Herren  Konzert¬ 
meister  Willy  Hess,  Willy  Seibert,  Josef  Schwartz  und  Friedrich  Grützmacher  jun. 
und  leistet  nach  Allem,  was  uns  darüber  bekannt  geworden,  Augezeichnetes.  Leider  war  es 
uns  nie  vergönnt,  das  Quartett  selbst  zu  hören  und  müssen  wir  uns  deshalb  darauf  beschränken, 
einige  Daten  über  die  vier  Herren  mitzutheilen. 

Herr  Konzertmeister  Hess  ist  ein  geborener  Mannheimer  (14.  Juli  185g)  und  zunächst  Schüler 
seines  Vaters;  er  ging  im  Jahre  1865  mit  seiner  Familie  nach  New  York;  später  kehrte  er  wieder  nach 
Europa  zurück,  konzertirte  in  Holland,  Deutschland,  Belgien,  Frankreich  und  England,  um  schliesslich 
noch  beim  Altmeister  Joachim  den  letzten  Schliff  zu  erhalten.  Im  Jahre  1878  wurde  er  als  Konzertmeister 
nach  Frankfurt  a.  M.  berufen,  wo  er  acht  Jahre  blieb,  um  dann  als  Konzertmeister  nach  Rotterdam  zu 
übersiedeln  und  1888  als  Konzertmeister,  Solist  und  Lehrer  an  das  Hallö’sche  Institut  in  Manchester  zu 
gehen.  1895  folgte  er  einem  Rufe  nach  Köln  als  Konzertmeister,  Lehrer  am  Conservatorium  und  erster 
Geiger  des  Gürzenich-Streichquartetts.  (Sein  Instrument,  eine  J.  B.  Guadagnini  1745,  steht,  unter  Kennern, 
in  dem  Rufe  das  schönste  existirende  Exemplar  der  Geigen  dieses  Meisters  zu  sein.)  Der  zweite  Geiger, 
Schüler  Joachims,  lebte  einige  Zeit  in  Wien,  wurde  dann  Lehrer  am  Conservatorium  in  Mainz,  später 
Konzertmeister  in  Wiesbaden  und  seit  1875  Lehrer  am  Conservatorium  in  Köln.  Der  Violaspieler,  Herr 
Josef  Schwartz,  ist  ein  ehemaliger  Schüler  des  Kölner  Conservatoriums  (Japha  und  Hiller),  seit  vielen 
Jahren  Lehrer  daselbst  und  Dirigent  des  Kölner  Männergesangvereins.  Herr  Friedrich  Grützmacher 
endlich,  Sohn  Leopold  Grützmachers  in  Meiningen  und  Neffe  des  Celloveteranen  Friedrich  Grützmacher, 
königl.  sächsischen  Konzertmeisters  und  Kammer-Virtuosen  in  Dresden,  ist  geborener  Meininger,  war 
Schüler  seines  Vaters  und  später  seines  Onkels,  wurde  1885  nach  Sondershausen  in  die  fürstliche  Kapelle, 
1887  als  Solo-Cellist  nach  Pest  und  1893  nach  Köln  als  Lehrer  an  das  Conservatorium  berufen. 


42 


W.  Hess.  F.  Griitzmachcr.  J.  Schwartz.  W.  Seibert. 

Das  Kölner  Quartett. 


43 


Das  Frankfurter  Quartett. 


j|jp§l§|SS|§r|j|nter  den  deutschen  Streichquartetten  nimmt  das  sogenannte  „Frankfurter“  unstreitig  einen  her¬ 
vorragenden  Rang  ein.  Einer  unserer  ersten  und  musikalisch  vornehmsten  Geiger,  Hugo 
Heermann,  ein  Virtuos  und  Quartettspieler  ersten  Ranges,  leitet  dasselbe;  Hugo  Becker,  der 
Sohn  Jean  Beckers,  spielt  das  Cello  und  die  Mittelstimmen  sind  bei  den  Herren  Bassermann  und 
“Ml  Konzertmeister  Naret-Koning  in  so  vorzüglichen  Händen,  dass  sich  kaum  ein  besseres  Ensemble 
denken  lässt.  Bisher  haben  die  Herren  leider  auf  das  Reisen  in  grösserem  Massstabe  verzichtet  und  im 
Wesentlichen  haben  daher  nur  die  Frankfurter  den  Genuss  ihrer  Leistungen. 

Wollte  man  die  heutigen  deutschen  Streichquartette  klassifiziren,  so  würde  man  wohl  das  Frankfurter 
Quartett  als  dasjenige  bezeichnen  können,  das  dem  Muster  für  alle  andern,  dem  Joachim’schen  (Joachim, 
de  Ahna,  Wirth  und  Hausmann)  in  der  Art  seines  Vortrages  am  ähnlichsten  ist,  und  etwas  Besseres  lässt 
sich  kaum  über  irgend  ein  Quartett  sagen.  Die  modernen  Verhältnisse,  der  Kampf  um  den  Erfolg,  künst¬ 
lerisch  wie  .materiell,  bringen  es  mit  sich,  dass  der  Unterschied  zwischen  den  Leistungen  der  verschiedenen 
Quartett -Vereinigungen  immer  geringer  wird;  es  gehört  heutzutage  schon  eine  bedeutende  Erfahrung,  ein 
sehr  gereiftes  Ohr  und  ein  vollständiges  \rertrautsein  mit  den  zum  Vortrage  kommenden  Werken  dazu,  um 
zu  erkennen,  ob  und  in  welcher  Richtung  überhaupt  das  eine  Quartett  dem  andern  überlegen  ist.  Das  gilt 
natürlich  nur  von  Quartett -Vereinigungen  ersten  Ranges,  d.  h.  von  solchen,  bei  denen  alle  vier  Stimmen  mit 
ersten  Kräften  besetzt  sind ,  die  durch  jahrelanges.  Zusammenspiel  sozusagen  zusammengewachsen  sind. 
Dem  Sinne  für  die  Pflege  der  Kammermusik  kann  ein  solches  Nivelliren  in  den  Leistungen  nur  dienlich  sein, 
und  wir  wollen  zuversichtlich  hoffen,  dass  dieser  Sinn,  welcher 
in  den  letzten  Jahren  erhebliche  Fortschritte  gemacht  hat,  immer 
mehr  um  sich  greifen  möge,  wozu  das  ausgedehnte  Reisen  der 
verschiedenen  Quartett -Vereinigungen  in  hohem  Grade  beiträgt. 


44 


i-i.  BccJter. 


r.  i5assemiann. 


x^urewvomng. 


■  IUUUU 


Das  Frankfurter  Quartett. 


45 


Das  Halir-Quartett. 

~W~ 

5  lag  auf  der  Hand,  dass  ein  so  bedeutender  Geiger,  wie  Karl  Halir,  bald  nach  seiner  Berufung 
nach  Berlin  als  erster  königl.  Konzertmeister  und  Professor  an  der  Hochschule,  ein  Quartett 
zusammenstellen  würde.  Dasselbe  besteht  aus  den  Herren  Halir  (i.  Violine),  Gustav  Exner 
(2.  Violine),  Adolph  Müller  (Viola)  und  Etugo  Dechert  (Cello),  und  es  ist  wohl  der  einzige 
Fall,  bei  dem  die  vier  Mitglieder  eines  Streichquartetts  von  solcher  Bedeutung  Schüler  eines 
Instituts  waren  —  der  königl.  Hochschule  in  Berlin.  Professor  Halir  machte  zwar  seine  eigentlichen  Grund 
legenden  Studien  in  Prag  am  dortigen  Conservatorium  unter  Professor  Bennewitz,  zog  aber  dann  nach 
Berlin,  um  dieselben  unter  Joachim  zu  vollenden.  Von  hier  aus  wurde  er  erster  Geiger  bei  Bilse, 
verbrachte  einige  Jahre  in  Italien,  wurde  dann  Konzertmeister  in  Mannheim,  drei  Jahre  später  in  Weimar, 
worauf  dann  nach  dem  Tode  de  Ahnas  seine  Anstellung  in  Berlin  erfolgte.  Halir  ist  nach  jeder  Richtung 
hin  ein  eminenter  Geiger,  der  die  gesammte  Geigenliteratur  beherrscht  und  über  dessen  Leistungen  hier 
etwas  zu  sagen  überflüssig  wäre.  Es  sei  nur  erwähnt,  dass  er  in  Russland,  Deutschland,  Paris,  Amerika, 
kurz  überall  wo  immer  er  auftritt,  grosse  Erfolge  erzielt. 

Gustav  Exner,  der  zweite  Geiger,  ist  ein  geborener  Breslauer,  machte  seine  ersten  Studien  unter 
Schön  und  Lüstner  und  zog,  18  Jahre  alt,  nach  Berlin,  wo  er  an  der  Hochschule  den  Unterricht  der 
Herren  Professor  Joachim,  E.  Wirth  und  Rappoldi  genoss.  Er  ist  Lehrer  des  Kronprinzen,  und  das  von 
ihm  ins  Leben  gerufene  Trio  (mit  seiner  Gattin  Ingeborg  geb.  Erichsen  und  dem  Cellisten  Fr.  Espenhahn) 
hatte  wiederholt  die  Ehre,  bei  Hofe  zu  spielen. 

Adolph  Müller,  der  Bratschist  des  Quartetts,  ist  aus  Gerbstedt,  Provinz  Sachsen,  war  früher 
Konzertmeister  in  Bernburg,  ging  aber  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  nach  Berlin,  wo  er  ebenfalls  an 
der  Hochschule  Unterricht  bei  Rappoldi  und  Joachim  hatte. 

Herr  Hugo  Dechert  endlich  ist  ein  Sachse  aus  Potschappel  bei  Dresden,  zunächst  Schüler  des 
Kammermusikers  Tietz  in  Dresden  und  dann  Hausmanns  an  der  Hochschule  in  Berlin.  Als  Solist  hat 
derselbe  ausgedehnte  Reisen  unternommen  und  ist  Solo-Cellist  an  der  königlichen  Kapelle  in  Berlin. 


4Ö 


C.  Halir.  H.  Dechert.  A.  Müller.  G.  Exacr. 

Das  Halir- Quartett. 


47 


Das  Walter-Quartett  (München). 


n  den  Walter- Quartett  besitzt  die  bayerische  Residenz  eine  Künstler-Vereinigung,  die  einen 
ganz  bedeutenden  Rang  einnimmt.  Die  ausserordentlich  feine  Durchbildung  dieses  Ensembles 
hat  die  ihm  oft  zu  Theil  gewordene  Bezeichnung  als  Musterquartett  mit  Recht  erhalten.  Die 
hohe  Stellung  verdankt  das  Quartett  der  Leitung  eines  berühmten  und  geehrten  Kunstmeisters, 
dem  königlichen  Konzertmeister  und  Professor  Herrn  Benno  Walter.  Er  wurde  1847 
als  Sohn  eines  Stadtmusikers  in  München  geboren.  Des  Knaben  hohe  Begabung,  welcher  sorgsamste 
Pflege  ward,  bewirkte,  dass  derselbe  bereits  im  Alter  von  6 */2  Jahren,  nach  2‘/2jähriger  Vorbildung, 
wiederholt  auf  der  Hofbühne  in  München  auftreten  durfte.  Die  Folge  dieses  Auftretens  war,  dass  der 
Knabe,  welcher,  gleich  Mozart,  einen  ebenso  strengen  als  verständnissvollen  Vater  hatte,  von  seinem 
7.  bis  15.  Jahre  auf  Kosten  des  Königs  von  Bayern  seine  musikalische  Ausbildung  erhielt.  Auch  die 
Königin  beschenkte  ihn  zur  Erhöhung  seines  Eifers  mit  einer  werthvollen  Guarnerigeige.  Im  Alter  von 
1 5  Jahren  wurde  der  gottbegnadete  Kunstjünger  bereits  Mitglied  der  königlichen  Hofkapelle  und  unter¬ 
nahm  als  solches  aussergewöhnlich  erfolgreiche  Kunstreisen,  die  ihn  durch  Süd-  und  Norddeutschland, 
Oesterreich,  nach  der  Schweiz  und  nach  denVereinigten  Staaten  von  Nordamerika  führten.  Im  Jahre  1871 
beschenkten  Mitglieder  der  Münchener  Aristokratie  ihn  mit  einer  auf  3000  Gulden  bewertheten  Stradi¬ 
varigeige.  Nach  dem  Tode  seines  ältesten  Bruders,  im  Jahre  1875,  erhielt  er  dessen  Stellung  als 
Konzertmeister  und  als  Professor  an  der  königlichen  Musikschule.  In  diesem  Jahre  übernahm  er  auch 
die  Leitung  der  Quartettsoireen,  welche  sein  Bruder  durch  viele  Jahre  erfolgreichst  innegehabt  hatte. 

Der  Vertreter  der  zweiten  Violine  ist  Herr  königlicher  Kammermusiker  Hans  Ziegler.  Derselbe 
gehört  dem  Quartett  seit  1882  an.  Die  königlichen  Kammermusiker  Herren  Ludwig  Vollnhals  (Viola) 
und  Franz  Bennat  (Cello)  gehören,  ersterer  seit  1887,  Herr  Bennat  seit  1888,  der  Quartett -Vereinigung  an. 

In  München  veranstaltet  das  Walter -Quartett  alljährlich  sechs  Quartettsoireen.  Die  Programme 
weisen  klassische  wie  moderne  Kammermusikwerke  auf,  welche  mit  gleicher  Vollendung  vorgeführt  werden. 
Die  von  Beifall  gekrönten  Konzertreisen  des  Quartetts,  welche  namentlich  Süddeutschland  zugute  kommen, 
wurden  auch  auf  weitere  Entfernungen  ausgedehnt.  Leipzig.  Dresden,  Mailand  und  andere  Städte  hatten 
sich  der  herrlichen  Leistungen  des  Walter-Quartetts  zu  erfreuen. 


48 


H.  Ziegler. 


Das  Walter-Quartett  (München). 


A.  Ehrlich.  Das  Streich  -  Quartett. 


49 


7 


Das  Hamburger  Quartett. 

— 'DLf'* — 

s  besteht  zur  Zeit  aus  den  Herren  Professor  und  Kammervirtuos  F.  Zajic  (i.  Violine),  Konzert¬ 
meister  I.  Schloming  (2.  Violine),  M.  Löwenberg  (Viola)  und  A.  Gowa  (Cello). 

Professor  Florian  Zajic,  aus  Unhoscht  bei  Prag,  war  Schüler  des  Prager  Conserva- 
toriums  (Müldener  und  Bennewitz).  Von  da  trat  er  die  Konzertmeisterstelle  am  Stadttheater 
zu  Augsburg  an,  war  von  1871  bis  1881  in  gleicher  Stellung  am  Hoftheater  in  Mannheim 
thätig,  und  von  1881  bis  iS8g  als  erster  Lehrer  am  Conservatorium  in  Strassburg.  Von  da  siedelte  er 
nach  Hamburg  über,  wo  er  Konzertmeister  am  Philharmonischen  Orchester  und  Lehrer  am  dortigen 
Conservatorium  wurde.  1891  bis  1895  war  er,  als  Nachfolger  Saurets,  Lehrer  am  Stern’schen 
Conservatorium  und  seit  1895  in  gleicher  Eigenschaft  am  Klindworth-Scharwenka-Conservatorium  in 
Berlin.  Herr  Professor  Zajic  ist  nach  allen  Seiten  hin  ein  tüchtiger,  solider  Geiger,  der  seine  Wirkung 
weniger  durch  technische  Bravourstücke  erzielt  als  durch  schönen  Ton  und  guten  Geschmack.  Speziell 
als  Quartettspieler  steht  ihm  eine  bedeutende  Erfahrung  zur  Seite. 

Herr  Konzertmeister  Schloming  aus  Kiel  war  als  Knabe  ein  Schüler  Schradiecks,  sowie  des 
Kölner  Conservatoriums.  Nach  beendeten  Studien  unternahm  er  mehrere  erfolgreiche  Konzertreisen, 
wurde  dann  Konzertmeister  in  Koblenz,  Ems,  Zürich  und  kehrte  1876  nach  Hamburg  zurück,  wo  er 
seitdem  als  Konzertmeister  im  Philharmonischen  Orchester  und  dann  in  gleicher  Eigenschaft  in  den 
Fiedler-Konzerten  thätig  war.  Herr  Schloming  besitzt  eine  sehr  schöne  Geige  von  Carlo  Bergonzi, 
früher  im  Besitz  von  Hugo  Wehrle  in  Stuttgart. 

Michael  Löwenberg  und  Albert  Gowa  sind  geborene  Hamburger.  Der  erstere  ein  langjähriges 
Mitglied  des  früheren  Bargheer’schen  Quartetts  sowie  des  Philharmonischen  Konzerts,  letzterer  ein 
Schüler  Davidows  (Leipziger  Conservatorium)  und  Grützmachers  in  Dresden,  sowie  Mitglied  des  Philhar¬ 
monischen  Orchesters.  Herr  Gowa  hat  sich  als  Solist  auf  vielfachen  Konzertreisen  einen  ausgezeichneten 
Namen  gemacht. 


50 


;  -  - 


M.  Löwenberg.  F.  Zajic.  J.  Schloming.  A.  Gowa. 

Das  Hamburger  Quartett. 


51 


Das  Waldemar  Meyer- Quartett. 


ie  Erfolge,  welche  das  schnell  zu  hohem  Ansehen  gelangte  Waldemar  Meyer- Quartet  auf 
seinen  Kunstreisen  sich  errungen  hat,  werden  begreiflich,  wenn  man  die  künstlerische  und 
persönliche  Qualifikation  des  Begründers  dieser  Quartett -Vereinigung,  welcher  die  Seele  des 
Unternehmens  ist,  näher  betrachtet.  Der  Führer  des  Quartetts,  Herr  Professor  Waldemar 
Meyer,  1853  zu  Berlin  geboren,  vollendete  seine  musikalischen  Studien  an  der  dortigen 
königlichen  Hochschule  und  es  wurde  ihm  von  dem  Altmeister,  Herrn  Professor  Joseph  Joachim,  ein 
glänzendes  Zeugniss  ausgestellt.  Seine  zahlreichen,  von  grossem  Erfolge  begleiteten  Konzertreisen  führten 
ihn  auch  nach  London,  wo  reiche  Freunde  seiner  Kunst  ihm  jene  1716  für  den  König  Georg  I.  von 
England  gebaute  Stradivari -Geige  (dieselbe  war  später  im  Besitze  von  Molique  und  dann  eines  Kunst- 
Mäcens  in  München)  zum  Geschenke  machten.  Sein  Streben  galt  der  höchsten  Ausbildung  der  idealsten 
Musikgattung,  dem  Quartettspiel,  und  dieses  Ziel  hat  er  auch  in  verhältnissmässig  kurzer  Zeit  erreicht. 
Der  zweite  Geiger,  Herr  Max  Heinecke  ist  1864  zu  Eisenberg,  S.-A.,  geboren.  Er  verdankt  seine 
vielseitige  musikalische  Ausbildung  vorzugsweise  der  Weimarer  Musikschule  (Professor  Leopold  Grütz- 
macher).  Nach  vielfachen  Konzertreisen  siedelte  er  1891  nach  Berlin  über.  Der  Vertreter  der  Viola,  Herr 
Dagobert  Löwenthal,  1849  zu  Königsberg  geboren,  war  Zögling  der  Hochschule  und  mithin  Schüler 
der  Herren  Rappoldi,  de  Ahna  und  Joachim.  Er  hat  längere  Zeit  in  Königsberg  als  Lehrer  und 
Konzertmeister  gewirkt,  was  allein  schon  dafür  bürgt,  dass  die  Bratschenstimme  bei  ihm  in  tüchtigen 
Händen  ist.  Der  Cellist  des  Quartetts,  Herr  Albrecht  Löffler,  ist  am  16.  August  1867  in  Tilsit  geboren. 
Seine  Lehrer  waren  insbesondere  Heinrich  Grünfeld,  dann  auch  Professor  R.  Hausmann  und  der 
königliche  Kammermusikus  Carl  Philipsen.  Im  Jahre  1 894  war  Herr  Löffler  Mitglied  des  Krasselt-Quartetts. 

Publikum  und  Presse  zollen  den  Leistungen  des  Quartetts,  welches  auch  dem  Neunen  ein  warmes 
Herz  entgegenbringt,  ausserdem  für  die  Popularisirung  der  Kammermusik  eintritt  und  dabei  stets  dem 
Idealen  zugewandt  bleibt,  einmütigen  Beifall. 


52 


W.  Meyer,  D.  Löwenthal.  A.  Löffler,  M.  Hc'mccko. 

Das  Waldemar  Meyer-Quartett. 


53 


Das  Holländer-Quartett. 


Nachdem  Herr  Professor  Holländer  im  Jahre  1894  das  Stern’sche  Conservatorium  in  Berlin 
übernommen,  gründete  er  dort  mit  den  Herren  Willy  Nicking,  Heinrich  Brandler  und  Leo 
Schrattenholz  ein  Quartett.  Nach  Uebersiedlung  der  beiden  letztgenannten  Herren  nach  Hamburg 
setzte  er  sein  Quartett  folgendermassen  zusammen:  Gustav  Holländer  (1.  Violine),  Willy  Nicking 
(2.  Violine),  Walther  Rampelmann  (Viola)  und  Anton  Hekking  (Cello). 

Herr  Professor  Gustav  Holländer  ist  ein  geborener  Schlesier  (Loebschütz)  und  bewies  schon  in 
früher  Jugend  seine  bedeutende  Begabung.  Nachdem  er  das  Leipziger  Conservatorium  besucht  hatte, 
siedelte  er  nach  Berlin  über  und  wurde  Schüler  der  Hochschule,  woselbst  er  ebenso  wie  die  Herren 
Nicking  und  Rampelmann  bei  dem  Altmeister  Professor  Joachim  studirte.  Er  wurde  1874  Mitglied  des 
königlichen  Hofopernorchesters,  1881  Nachfolger  O.  von  Königslöws  als  Konzertmeister  der  Gürzenich¬ 
konzerte  und  Lehrer  des  Kölner  Conservatoriums.  Im  dortigen  „Professoren-Quartett“  übernahm  er  an 
Stelle  des  ausgetretenen  Konzertmeister  Japha,  mit  welchem  er  als  Primgeiger  schon  vorher  alternirt 
hatte,  die  Leitung  dieser  Quartett -Vereinigung,  worüber  oben  bereits  Andeutungen  gemacht  wurden.  Mit 
seinem  Quartett  unternahm  er  von  Köln  aus  von  grossem  Erfolge  begleitete  Konzertreisen  in  Deutschland, 
Belgien,  England,  Italien  und  Dänemark. 

Die  Herren  Willy  Nicking  und  Walther  Rampelmann,  der  zweite  Geiger  und  der  Bratschist  des 
Quartetts,  sind  ebenfalls  Schüler  der  königlichen  Hochschule  zu  Berlin  und  Mitglieder  der  königlichen 
Kapelle  daselbst. 

Der  Cellist  Anton  Hekking,  ein  geborener  Holländer,  machte  seine  ersten  Studien  im  Alter  von 
zwölf  Jahren  unter  Gieses  Leitung  am  Conservatorium  im  Haag.  Im  Jahre  1876  trat  er  in  das  Pariser 
Conservatorium  ein,  studirte  dort  unter  Leon  Jean  Jacquard  und  errang  daselbst  zwei  Jahre  später  den 
ersten  Preis.  Im  Jahre  1880  liess  er  sich  in  Berlin  nieder  und  unternahm  von  hier  aus  zahlreiche  erfolg¬ 
gekrönte  Konzertreisen. 


54 


Das  Holländer- Quartett. 


G.  Holländer. 


W.  Nicking. 


W.  Rampelmann, 


55 


Das  Riller-Quartett. 


4  * 

?us  der  Thatsache,  dass  in  den  musikalisch  bedeutsamen  Grossstädten  die  Gründung 
3  von  Quartettvereinigungen  sich  vervielfacht,  ist  der  erfreuliche  Schluss  zu  ziehen,  dass 
i  der  Sinn  für  Kammermusik  in  immer  weiteren  Kreisen  sich  bemerklich  macht.  Es  ist 
3  diese  Wahrnehmung  sehr  wohlthuend  im  Hinblick  auf  den  sich  hierdurch  zeigenden 
3  Feinsinn  der  Musikliebenden.  Erwägungen  vorstehender  Art  haben  in  Hannover  zur 
Gründung  dieses  zweiten  Quartetts  geführt,  welches  aus  den  Herren  Riller  (i.  Violine),  Meuche 
(2.  Violine),  Kugler  (Viola)  und  Lorleberg  (Cello)  besteht.  Das  Quartett,  dessen  Zusammenspiel 
höchlichst  gelobt  wird,  widmet,  wie  sich  von  selbst  versteht,  den  klassischen  Komponisten  in  erster 
Linie  grösste  Berücksichtigung.  Dass  den  wahrhaft  bedeutenden  neueren  und  neuesten  Ton¬ 
werken  die  ihnen  zukommende  Beachtung  geschenkt  wird,  zeigt  ein  Blick  auf  die  Programme 
der  Quartett -Vereinigungen,  welche  die  Namen  Dvorak,  Kauffmann  u.  a.  aufweist.  Herr  Konzert¬ 
meister  Riller,  Mitglied  der  königlichen  Hofkapelle  in  Hannover,  hat  sich  als  excellenter  Geiger 
in  neuester  Zeit  namentlich  durch  den  Vortrag  des  Richard  Strauss’schen  Violinkonzerts  bekannt 
gemacht.  Die  Kritik  spricht  sich  mit  hoher  Anerkennung  über  die  Leistungen  des  Quartetts  aus. 
Es  wird  die,  höchsten  Ansprüchen  gerecht  werdende  musikalische  Intelligenz,  das  vollkommene 
Zusammenspiel,  kurz  das  Vorhandensein  aller  zu  harmonischer  Wirkung  nothwendigen  Faktoren 
gerühmt. 


56 


O.  Rillcr. 


R.  Lorlebcrg.  R«  Kuglcr. 

Das  Riller-Quartett 


B.  Mouche. 


A.  Ehrlich.  Das  Streich  -  Quartett. 


57 


Das  Hänflein-Quartett. 


as  herrliche  Verdienst  der  klassischen  Schule  des  Altmeisters  Joachim  beruht  nicht  zum 
wenigsten  in  der  Verpflanzung  seines  Stiles  in  der  Kammermusik.  Eine  ansehnliche  Zahl 
seiner  Jünger  vermittelt  nun  seit  Jahren  einer  grossen  Musikgemeinde  die  genialen  Eingebungen, 
welche  Hohepriester  der  Kunst  allen,  die  sich  daran  erbauen  wollen,  zum  Erbe  gelassen  haben. 
Welche  Vermittler  können  aber  mehr  berufen  sein,  als  solche,  die  ihre  Ausbildung  einem 
Meister  verdanken,  der  im  Streben  nach  dem  Idealen  sich  selbst  kaum  genug  thun  kann. 

Der  Leiter  des  Elänflein- Quartetts  ist  der  1848  geborene  königliche  Konzertmeister  Herr  Georg 
Hänflein.  Er  war  1861  —  64  Schüler  Ferdinand  Davids  in  Leipzig.  In  den  Jahren  1866 — 71  sehen 
wir  Hänflein  als  kaiserlich  russischen  Kammermusiker  an  der  italienischen  Oper  in  St.  Petersburg.  Vom 
Jahre  1871  —  74  studirte  er  bei  LIerrn  Professor  Joachim  und  folgte  darauf  einem  Rufe  als  Konzertmeister 
an  die  königliche  Oper  nach  Hannover.  Hier  widmete  er  seit  dieser  Zeit  seine  Kraft  auch  dem  Vereine 
für  Kammermusik. 

Herr  Hugo  Piening  (2.  Violine)  aus  Bielefeld  machte  seine  Studien  zunächst  bei  Hofkapellmeister 
Professor  Gulomy  in  Bückeburg  und  dann  am  Leipziger  Conservatorium  unter  Henry  Schradiecks  Leitung. 
Seit  1891  gehört  Herr  Piening  dem  königlichen  Orchester  als  erster  Geiger  an,  und  im  Jahre  1893  trat 
er  dem  Vereine  für  Kammermusik  bei. 

Der  Bratschist  des  Quartetts,  Herr  Eduard  Kirchner  aus  Verden,  trat  bereits  in  seinem  fünf¬ 
zehnten  Jahre  in  die  hannoversche  Armee  als  Hautboist  ein  und  kam  im  Jahre  1860  als  erster  Geiger 
an  die  königliche  Kapelle  zu  Hannover,  zugleich  die  Stellung  eines  Stabstrompeters  in  der  Armee  bei¬ 
behaltend.  In  der  königlichen  Kapelle  hat  er  die  1875  übernommene  Stelle  des  Solo -Bratschisten  noch 
jetzt  inne. 

Herr  Emil  Blume  (Cellist)  aus  Hannover  ist  Mitglied  des  königlichen  Hofoperntheater-Orchesters 
seiner  Vaterstadt.  Seine  Ausbildung  genoss  er  bei  dem  vortrefflichen  Cellisten  August  Lindner,  dessen 
Platz  als  erster  Cellist  er  jetzt  inne  hat. 


58 


mti  iui/  wah 

m  fff  t(p) 


G.  Häuflein. 


E.  Blume. 


E.  Kirchner. 


Das  Hänflein- Quartett. 


H.  Piening. 


59 


Das  „Böhmische“  Streich- Quartett. 


pjjnter  allen  reisenden  Quartetten  hat  wohl  keines  in  so  kurzer  Zeit  dieselben  Erfolge  erzielt  wie 
[jl  das  sogenannte  „Böhmische“,  das  aus  den  Herren  Karl  Hofmann  (i.  Violine),  Joseph  Suk 
S  (2.  Violine),  Oscar  Nedbal  (Viola)  und  Hans  Wihan  (Cello)  besteht.  Und  in  der  That 
!  leisten  dieselben  Ausgezeichnetes,  zum  Theil  sogar  Hervorragendes.  Speziell  der  Vortrag  der 
1]  Werke  von  Dvorak  und  Smetana  (Aus  meinem  Leben)  sind  Glanzleistungen  allerersten  Ranges, 


die  wohl  in  dieser  Auffassung  und  technischen  Vollendung  zugleich  von  keinem  andern  Quartette  geboten 
werden.  Damit  soll  durchaus  nicht  etwa  gesagt  sein,  dass  das  Quartett  nicht  auch  auf  anderem  Gebiete 
Vortreffliches  leistet,  der  Vortrag  des  grossen  Es dur-Quartetts  von  Beethoven,  op.  127  z.  B.  erschien  mir 
sogar  als  die  vollendetste  Quartettleistung,  die  ich  überhaupt  gehört  habe.  Dagegen  scheint  mir  der 
naive  Humor  Haydns  weniger  dem  Naturell  der  vier  Herren  zu  entsprechen. 

Bei  den  meisten  Quartetten  macht  sich  ein  Hervortreten  des  ersten  Geigers  bemerklich;  das  fehlt 
beim  Böhmischen  Streich -Quartett  vollständig.  Herr  Hofmann  zeigt  hierin  eine  Bescheidenheit,  die  den 
Zuhörer  fast  zu  der  Frage  veranlasst,  ob  sie  in  diesem  Masse  gerechtfertigt  ist,  denn  es  liegt  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  in  der  Natur  des  Quartetts,  dass  die  erste  Geige,  die  in  thematischer  und  melo¬ 
diöser  Beziehung  in  den  weitaus  meisten  Fällen  führend  auftritt,  mehr  als  die  andern  drei  Instrumente 
hervortreten  muss.  Im  Uebrigen  kann  man  von  den  vier  Herren  nur  sagen,  dass  Jeder  seine  Stimme 
mit  absoluter  Meisterschaft  zur  Geltung  bringt  und,  was  noch  mehr  sagen  will,  Jeder  ist  bestrebt,  Den¬ 
jenigen,  der  gerade  etwas  zu  sagen  hat,  zur  Geltung  kommen  zu  lassen.  Ich  erinnere  mich  nicht, 
das  bei  irgend  einem  Quartette  in  dem  Masse  bemerkt  zu  haben,  wie  bei  den  „Böhmen“. 

Die  Erfolge  der  Herren  sind  denn  auch,  ihren  Leistungen  entsprechend,  überall  wo  sie  hinkommen, 
grossartige.  Hoffen  wir,  dass  sie  noch  recht  lange  beisammen  bleiben  werden,  und  dass  sie,  durch  das 
fortwährende  Wiederholen  derselben  Werke  nicht  dazu  verführt  werden,  neue  „Nüancen“  einzuführen. 


60 


K.  Hofmann.  J.  Suk. 

Das  Böhmische 


H.  Wihan.  O.  Nedbal. 

Streich -Quartett. 


61 


Das  Budapester  Quartett 


75]as  mächtige  Aufblühen  der  ungarischen  Hauptstadt  hat  auch  in 
®  musikalischer  Beziehung  die  besten  Früchte  getragen.  Als  im  Jahre 
IJj  1886  Jenö  Hubay  und  David  Popper  an  die  dortige  Musik -Akademie 
ü!  berufen  wurden,  waren  die  beiden  Hauptbedingungen  für  ein  Streich- 

_ iS  quartett  gefunden,  wie  es  sehr  selten  zusammengestellt  worden  ist. 

Jenö  Hubay,  ein  Schüler  Joachims  und  Vieuxtemps’,  der  schon  in  jungen 
Jahren  als  Nachfolger  Wieniawskis  an  das  Brüsseler  Conservatorium  berufen 
wurde,  ist  nicht  nur  ein  Geiger  ersten  Ranges,  der  über  einen  prachtvollen  Ton 
und  eine  nach  allen  Seiten  hin  vollendete  Technik  verfügt,  sondern  auch  ein 
ausgezeichneter  Musiker  und  Komponist,  dessen  Opern  „Der  Dorflump“  und 
„Der  Geigenmacher  von  Cremona“  an  vielen  Bühnen  einen  wohlverdienten  Erfolg 
errungen  haben.  David  Popper  andererseits  ist  einer  der  wenigen  absoluten 
Meister  seines  Instrumentes,  dessen  effektvolle  Kompositionen  für  sein  Instrument 
alle  Cellisten  der  Welt  beherrschen  und  in  dessen  Spiel  sich  das  Feuer  der 
Jugend  mit  der  gereiften  Kunst  der  Erfahrung  zu  höchster  Vollendung  ver¬ 
schmolzen  erscheinen.  Bei  den  Herren  Victor  von  Herzfeld  (2.  Violine), 
der  als  Professor  der  Theorie  und  Kompositionslehre  an  der  Landesmusik¬ 
akademie  wirkt,  und  Josef  Waldbauer  (Viola)  sind  die  Mittelstimmen  in  den 
besten  Händen.  Dieses  Quartett  geniesst  den  seltenen  Ruhm,  dass  der  ver¬ 
storbene  Meister  Brahms  es  für  eine  der  besten  Quartett-Vereinigungen  hielt, 
die  es  giebt,  und  dass  dieser  nach  Vollendung  eines  neuen  Werkes  oft  nach 
dem  benachbarten  Budapest  eilte,  um  seines  Geistes  Kind  unter  persönlicher 
Mitwirkung  zum  ersten  Male  der  Oeffentlichkeit  vorzuführen.  Die  Kammermusik- 
Soireen  der  Gesellschaft  erfreuen  sich  der  verdienten  Gunst  der  besten  musikali¬ 
schen  Kreise  der  Hauptstadt.  Wer  die  Zelebritäten  des  Budapester  sozialen 
Lebens  versammelt  sehen  will ,  braucht  nur  zu  einem  Hubay  -  Popper’schen 
Quartett-Abend  zu  gehen. 


7P 


CM*» 


62 


J.  Waldbauer.  V.  v.  Herzfcld.  J.  Hubay.  D.  Popper. 

Das  Budapester  Quartett. 


63 


Das  Petersburger  Quartett. 


selten  hört  man  jetzt  die  Behauptung:  „Die  Zukunft  gehört  den  Slaven“,  und  wenn  man 


@  die  Erscheinungen  der  neuen  Zeit  auf  musikalischem  Gebiete  betrachtet,  so  könnte  man  fast 
§  versucht  sein,  der  Behauptung,  wenigstens  in  Bezug  auf  die  Musik,  beizustimmen.  Rubinstein, 
3  Tschaikowsky,  Dvorak,  Smetana ,  Borodin  etc.  sind  zweifellos  Erscheinungen,  die  an  ursprüng- 


ß  lichem  originalen  Talent  viel  bedeuten.  Nur  eines  fehlt  den  Slaven  —  die  Selbstkritik.  Sie 


haben  enormes  Talent,  aber  sie  unterziehen  das,  was  sie  schreiben,  nicht  einer  gehörigen  scharfen  Be- 
urtheilung,  sie  feilen  nicht,  und  so  kommt  es,  dass  die  meisten  slavischen  Werke,  wenigstens  auf 
musikalischem  Gebiete,  denselben  Fehler  aufweisen  — -  eine  bei  dem  grossen  Talente  der  Betreffenden 
geradezu  verblüffende  Ungleichheit  im  Werthe  ihrer  Werke.  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  die 


Zukunft,  nachdem  die  gründliche  musikalische  Bildung  bei  den  Slaven  eine  allgemeine  geworden  sein 
wird,  diesen  Fehler  beseitigt  und  darin  liegt  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die  Berechtigung  der  Behaup¬ 


tung:  „Die  Zukunft  gehört  den  Slaven“. 

Die  Vorbedingung  für  das  Entstehen  grosser,  in  der  Geschichte  der  Musik  wirklich  unentbehr¬ 


licher  Glieder  ist  bei  den  Slaven  und  speziell  bei  den  Russen  vorhanden.  Die  Musik  ist  populär  und  die 
besseren  Klassen,  durch  Reisen  und  fortwährende  Besuche  der  ersten  Künstler  Europas  gebildet,  ergeben 


ein  begeistertes  Publikum  für  die  besten  Leistungen  auf  dem  Gebiete  der  ernsten  Musik.  Selbst  die 
ernsteste  Form,  die  Kammermusik,  hat  in  Russland  ein  begeistertes  Publikum.  Das  Petersburger  Streich- 
Quartett  der  Herren  Professor  L.  Auer,  C.  Krüger,  S.  Korgueff  und  A.  Werzbilowitsch  dürfte  nach 
uns  zugegangenen  Berichten  wenige  Rivalen  haben  und,  wenn  man  bedenkt,  dass  es  unter  Führung 
Leopold  Auers,  eines  Geigers,  wie  es  kaum  einen  zweiten  giebt,  steht,  so  kann  das  nicht  Wunder  nehmen. 
Wir  können  nur  bedauern,  dass  die  Herren  uns  bisher  nicht  Gelegenheit  gegeben  haben,  sie  zu  bewundern. 
Sie  w'ürden  in  Deutschland  sicherlich  die  wohlverdiente  Anerkennung  finden. 


64 


S.  KorgucfF.  E.  Krüger.  A.  Werzbilowitsch.  I..  Auer. 

Das  Petersburger  Quartett. 


A.  Ehrlich.  Das  Streich  -  Quartett. 


65 


0 


Das  Warschauer  Quartett. 


ie  Pflege  der  Kammermusik  im  Centrum  der  polnischen  Intelligenz  kann  nicht  Wunder  nehmen. 
Gleich  den  anderen  slavischen  Nationen  haben  sich  die  Vertreter  des  Polenthums  stets  durch 
hervorragende  Musikbegeisterung  ausgezeichnet.  Es  war  unausbleiblich,  dass  auf  dem  Gebiete 
der  Kammermusik,  wo  die  poetische  Empfindung'  sich  mehr  als  irgendwo  entfaltet,  auch  Her- 
orragendes  geleistet  wurde  und  sich  dafür  beim  Publikum  das  entsprechende  Interesse  zeigte. 

Das  Warschauer  Quartett  besteht  aus  den  Herren  Stanislaw  Barcevicz  (i.  Violine),  Emil 
Stiller  (2.  Violine),  Jan  Jakowski  (Viola)  und  Anton  Cink  (Cello). 

Der  Gründer  der  Quartett -Vereinigung,  Herr  Stanislaw  Barcevicz,  wurde  am  16.  April  1858  in 
Warschau  geboren.  Schon  in  seinem  elften  Lebensjahre  konnte  er  sich  mit  einem  Konzert  von  de 
Beriot  öffentlich  hören  lassen.  Er  besuchte  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  das  Conservatorium  in 
Moskau,  wo  Ferdinand  Laub  und  Adalbert  Hrimaly  seine  hervorragendsten  Lehrer  waren.  Er  absolvirte 
dasselbe  im  Jahre  1S77  und  erhielt  die  goldene  Medaille.  Im  Jahre  1885  wurde  er  Professor  am  Conser¬ 
vatorium  seiner  Vaterstadt  und  1893  Dirig'ent  der  Oper  und  der  Konzerte  ebendaselbst. 

Herr  Emil  Stiller,  ein  geborener  Breslauer,  studirte  daselbst  bei  Moritz  Schoen  und  Dr.  Leopold 
Damrosch,  später  in  Leipzig  bei  Ferdinand  David.  Seine  jetzige  Stellung  ist  die  eines  Konzertmeisters 
am  ,. Grossen  Theater“.  Als  Quartettist  wirkte  er  vordem  in  den  Quartetten  von  Johann  Anger,  Sig.  Nos- 
kowski  und  Joseph  Wieniawski. 

Herr  Jan  Jakowski  aus  Warschau  beendete  seine  Studien  am  Warschauer  Conservatorium  unter 
Professor  Wladislaw  Görski  im  Jahre  1885.  Später  studirte  er  noch  drei  Jahre  bei  Professor  St.  Barcevicz. 
Im  Jahre  1888  wurde  er,  ebenso  wie  seiner  Zeit  Herr  Stiller.  Professor  am  Conservatorium  in  Warschau. 

Herr  Anton  Cink  aus  Pribram  in  Böhmen  besuchte  das  Prager  Conservatorium  und  studirte  unter 
Professor  Franz  Xaver  Hegenbart.  Seit  tSqi  wirkt  er  in  Warschau  als  Professor  am  Conservatorium 
und  als  Solo-Cellist  am  Theater.  Die  Mitglieder  des  Quartetts  haben  sich,  was  namentlich  Herrn  Professor 
St.  Barcevicz  betrifft,  auf  vielfachen  Konzertreisen  auf  das  Vortheilhafteste  bekannt  gemacht. 


66 


Das  Warschauer  Quartett. 


67 


Das  Bologneser  Quartett. 


=  hat  ziemlich  lange  gedauert,  bis  sich  in  Italien  das  Publikum  soweit 
von  der  alles  erdrückenden  Oper  emanizipirt  hat,  um  auch  an  Kam¬ 
mermusik  Geschmack  zu  finden  und  bis  etwa  Mitte  oder  Ende  der 
6oer  Jahre  stand  die  Pflege  und  Kenntniss  derselben  in  Italien  aut 
ssSI  einer  sehr  niedrigen  Stufe.  Im  Jahre  1862  erklärte  mir  ein  Florentini- 
scher  Musikalienhändler  kategorisch:  von  Cherubini  (der  ein  Florentiner  war  und 
dem  sie  ein  Denkmal  setzen  wollten)  existirten  keine  Streichquartette  und 
der  erste  Florentinische  Geigen -Professor  wusste  nichts  von  der  Tartini’- 
schen  Teufelssonate!  Das  hat  sich  nun  allerdings  namentlich  in  den  letzten 
15  bis  20  Jahren  gewaltig  geändert  und  der  Geschmack  an  Kammermusik  greift 
auch  in  Italien  immer  mehr  um  sich.  Dazu  hat  in  erster  Linie  Abramo  Basevi, 
ein  verdienstvoller  Livorneser,  der  in  Florenz  als  Redacteur  der  Musik-Zeitschrift 
Boccherini  lebte,  beigetragen.  Auch  er  war  zunächst  Opern-Komponist,  begrün¬ 
dete  die  erwähnte  Zeitschrift,  sowie  die  sogenannten  Beethoven-Matineen,  welche 
später  zur  Gründung  der  Societä  del  quartetto  führte.  Er  setzte  alljährlich 
einen  ansehnlichen  Preis  für  die  beste  Quartett-Komposition  aus  und  regte 
damit  das  Interesse  für  Kammermusik  mächtig  an.  Es  haben  auch  mehrere 
deutsche  Komponisten  diesen  sogenannten  Basevi- Preis  errungen.  Fleute  be¬ 
stehen  in  Rom,  Florenz,  Mailand,  Bologna  etc.  anerkannt  gute  Ouartett-Vereini- 
gungen  und  unter  diesen  dürfte  das  sogenannte  Bologneser  Quartett  eines  der 
besten  sein.  Es  besteht  aus  den  Herren  F.  Sarti  (1.  Violine),  A.  Massarenti 
(2.  Violine),  A.  Consolini  (Viola)  und  F.  Serato  (Cello),  Vater  des  auch  in 
Deutschland  bekannten  Geigers  A.  Serato,  und  leistet  nach  Aussage  der  be¬ 
rufensten  Stimmen,  im  Vortrage  der  klassischen  Quartette,  Ausgezeichnetes. 


68 


F  Sani. 


F.  Serato. 


A.  Massarcnti.  A-  Consoliai. 


Das  Bologneser  Quartett. 


69 


Das  Triester  Quartett. 


„priest  geniesst,  wenigstens  bei  uns  im  Norden,  eigentlich  nicht  den  Ruf,  eine  besonders  musi- 
kalische  Stadt  zu  sein,  und  doch  beweist  der  Umstand,  dass  ein  vorzügliches  Quartett  schon 
J  seit  40  Jahren  dort  besteht  und  gedeiht,  dass  der  Sinn  für  gute  ernste  Musik  in  der  anspruchs¬ 
losesten  Form  ein  sehr  reger  sein  muss.  In  Herrn  Joseph  Heller  hat  aber  Triest  auch  einen 
*5  Quart ettspieler,  wie  es  wenige  geben  wird,  und  die  Vielseitigkeit  seiner  Programme  beweist 
am  besten,  mit  welcher  Umsicht  und  Kenntniss  aller  neu  erscheinenden  Werke  von  Bedeutung  er  seine 
Soireen  zu  leiten  versteht. 

Das  Quartett  besteht  aus  den  Herren  Julius  Heller  (1.  Violine),  der  langjährige  Kapellmeister 
des  „Schiller-Vereins“,  Guido  Eckhardt  (2.  Violine),  Menotti  Bemporat  (Viola)  und  Arturo  Cuccoli 
(Cello).  Herr  Heller  ist  ein  geborener  Ungar  und  Schüler  des  Wiener  Conservatoriums  (Hellmesberger). 
Herr  Eckhardt  ist  ein  Schüler  Massarts  in  Paris,  und  Herr  Bemporat  ist  ein  Schüler  des  Herrn  J.  Heller. 
Beide  sind  geborene  Triester.  Herr  Cuccoli  endlich  ist  in  Bologna  geboren  und  Schüler  des  Herrn 
Serato,  den  wir  auf  dem  Bilde  des  Bologneser  Quartetts  wiederfinden. 

Während  der  40  Jahre  seines  Bestehens  hat  auch  dieses  Quartett  viele  Wandlungen  durchge¬ 
macht;  vier  Cellisten,  neun  zweite  Geiger  und  zehn  Bratschisten!  Nur  der  Stamm,  der  erste  Geiger,  ist 
geblieben,  und  wir  wollen  hoffen,  dass  er  den  Triestern  noch  recht  lange  erhalten  bleibt. 

Das  Quartett  giebt  während  der  Saison  vier  Soireen  und  zeigt  in  seinen  Programmen,  wie  schon 
erwähnt,  eine  Vielseitigkeit,  die  manchem  norddeutschen  Quartett  zu  wünschen  wäre. 


70 


A.  Cuccoli.  G.  Eckhardt.  J.  Heller.  M.  Bemporat. 

Das  Triester  Quartett. 


71 


Das  Brüsseler  Quartett 


gas  Quartett  Schörg  in  Brüssel  besteht  aus  den  Herren  Franz  Schörg  (i.  Violine),  H.  Daucher 
3  (2.  Violine),  P.  Miry  (Viola)  und  J.  Gaillard  (Cello).  Es  ist  eine  eigentümliche  Erscheinung, 
3  dass  es  einem  Deutschen  Vorbehalten  blieb,  in  Brüssel,  dessen  Bewohner  in  Bezug  auf 
3  Geschmacksrichtung  und  Sympathien  sicherlich  den  Franzosen  verwandter  sind  als  uns,  ein 
ä  Quartett  zu  gründen  und  mit  so  olfenbarem  Erfolge  weiterzuführen.  Herr  Schörg  ist  ein 
geborener  Münchener,  Schüler  des  dortigen  Conservatoriums  und  später  Ysayes  in  Brüssel.  Nach 
achtmonatigem  Aufenthalt  in  Brüssel  erlangte  er  den  ersten  Preis  und  ging  dann  mit  der  Sängerin 
Albani  auf  eine  grössere  Konzerttour.  Der  zweite  Geiger,  Herr  Plans  Daucher,  ist  ebenfalls  ein 
Bayer  (aus  Nürnberg),  auch  Schüler  des  Münchener  Conservatoriums  und  später  Ysayes.  Herr  Paul 
Miry  aus  Gent  ist  Schüler  des  Brüsseler  Conservatoriums,  wo  er  preisgekrönt  wurde.  Er  machte  von  dort 
aus  ausgedehnte  Kunstreisen  durch  ganz  Frankreich  und  Spanien.  Herr  Jaques  Gaillard  ist  ebenfalls 
geborener  Belgier.  Man  rühmt  an  dem  Quartett  besonders  den  vollen,  saftigen  Ton,  der  von  demselben 
entwickelt  wird,  sowie  die  tadellose  Auffassung.  Dass  es  im  Zusammenspiel  und  in  technischer  Beziehung 
tadellos  ist,  braucht  man  heutzutage  gar  nicht  mehr  zu  erwähnen,  da  dies  bei  der  heutigen  Konkurrenz 
selbstverständlich  ist.  Wie  ich  aus  ihren  Programmen  ersehe,  befleissigen  sich  die  Herren  in  höchst 
rühmenswerther  Weise  einer  grossen  Vielseitigkeit.  Sie  spielen  selbstverständlich  die  Klassiker,  bringen 
aber  auch  ganz  moderne  Sachen,  wie  Cesar  Frank,  Glazounow  etc.,  was  vielen  andern  Quartett- 
Vereinigungen  sehr  zur  Nachahmung  empfohlen  werden  kann. 


72 


A.  Ehrlich.  Das  Streich  -Quarteft. 


Fr.  Schürf.  P.  Miry. 


J.  Gaillard.  H.  Daucher. 


Das  Brüsseler  Quartett. 


73 


IO 


Das  Richard  Gompertz- Quartett. 


bei  den  dortigen  Conservatoriums-Lehrern  Franz  Derkum  und  Otto  von  Königslöw.  Mit  sechzehn 
Jahren  wurde  er  Schüler  Joachims  (Berliner  Hochschule).  Im  Jahre  187g  unternahm  er  in  Deutschland 
erfolgreiche  Konzertreisen  und  erhielt  hierauf  einen  Ruf  nach  Cambridge  als  residirender  Konzertmeister 
und  Lehrer.  Im  Jahre  1884  wurde  Herr  Gompertz  Lehrer  und  im  Jahre  1890  ordentlicher  Professor 
an  dem  Royal  College  of  Music  in  London.  Herr  Gompertz  hat  sich  auch  als  Komponist  von  Sonaten, 
Violinkonzerten  und  Liedern  bekannt  gemacht. 

Mr.  Haydn  Inwards  wurde  1865  zu  Luton  (Grafschaft  Bedford)  geboren.  Seine  im  neunten 
Lebensjahre  beginnenden  Violinstudien  setzte  er  später  bei  Sainton  fort.  Im  Jahre  1893  trat  er  in  das  zu 
dieser  Zeit  vom  Prinzen  von  Wales  eröffnete  Royal  College  of  Music,  woselbst  er  dann  als  Lehrer  wirkte. 

Herr  Emil  Kreuz  ist  1867  zu  Elberfeld  geboren.  Er  machte  seine  Studien  vom  zehnten  bis 
zum  fünfzehnten  Lebensjahre  unter  Georg  Japha  in  Köln  und  setzte  dieselben  im  Jahre  1883  am  Royal 
College  of  Music  fort.  Es  sind  von  ihm  auch  zahlreiche  Kompositionen  im  Druck  erschienen. 

Mr.  Charles  Ould  ist  in  Rumford  (England)  geboren  und  kam  als  Kind  nach  London.  Sein 
Lehrer  war  der  belgische  Cellist  Guillaume  Paque. 

Wie  aus  höchst  anerkennenden  Berichten  angesehenster  Londoner  Zeitungen  hervorgeht,  lassen 
die  Leistungen  des  Quartetts  in  Bezug  auf  Auffassung  und  grösste  Präzision  keinen  Wunsch  übrig.  Die 
liebevollste  Wiedergabe  erfahren  nicht  nur  die  Werke  der  Klassiker  allein,  es  wird  auch  neueren  bedeu¬ 
tenden  Kompositionen,  so  denen  von  D vor 4k,  Tschaikowsky  und  anderen,  die  vollendetste  Interpretation 
zu  Theil.  Eine  Spezialität  des  Quartetts  bilden  namentlich  auch  die  späteren  Beethoven’schen  Quartette. 
1896  führte  das  Gompertz- Quartett  die  ganze  Serie  der  Beethoven’schen  Quartette  einschliesslich  der 
grossen  Bdur-Fuge  auf.  Das  perfekte  Ensemble  des  Quartetts  erregte  viel  Aufsehen. 


A 


=äf9jas  itn  Jahre  1888  gegründete  Richard  Gompertz- Quartett,  welches  vor  der  Zusammensetzung, 
™  wie  sie  nebenstehend  gegeben  wird,  mehrmaligem  Wechsel  unterworfen  war,  wird  gebildet 
gxi  durch  die  Herren  Richard  Gompertz  (1.  Violine),  Haydn  Inwards  (2.  Violine)  Emil  Kreuz 
(Viola)  und  Charles  Ould  (Cello). 

-'”-*■'1  Herr  Richard  Gomoertz  ist  18  so  in  Köln  rrehoren.  Seine  Violinstudien  machte  er 


74 


R.  Gompcriz.  H.  Inwards.  Ch.  Ould.  E.  Kn  uz. 

Das  Gompertz-Quartett. 


75 


Das  Shinner-Quartett. 

^t5^P~^S^achdem  sich  die  Damen  in  den  letzten  Jahren  mit  Macht  auf  das  Studium  der  Streichinstrumente 
ci — geworfen  haben,  konnte  es  natürlich  nicht  ausbleiben,  dass  sie  auch  Quartett  spielen.  Immerhin 
||  ist  aber  gerade  auf  diesem  Felde  das  Vordringen  des  weiblichen  Geschlechts  nicht  so  erfolg- 
reich  gewesen  wie  auf  dem  des  Virtuosenthums,  denn  es  giebt,  meines  Wissens,  bei  uns, 
^xo^ssaSiS,  resp.  in  Oesterreich  nur  ein  Damen -Streichquartett,  nämlich  das  der  Frau  Soldat-Roeger 
in  Wien,  und  selbst  dieses  war  nicht  das  erste,  denn  schon  im  Jahre  1886  wurde  von  Fräulein  Emily 
Shinner  in  London  das  sogenannte  Shinner-Quartett  gegründet,  welches  aus  den  Damen  E.  Shinner 
(1.  Violine),  Miss  Lucy  Stone  (2.  Violine),  Miss  Cecilia  Gates  (Viola)  und  Miss  Florence  Hennings 
(Violoncell)  besteht.  Fräulein  Shinner  (jetzt  Mrs.  Liddell)  ist  eine  anerkannt  tüchtige  Schülerin  Professor 
Jacobsens  und  Joachims  an  der  Hochschule  in  Berlin  gewesen. 

Fräulein  Stone  ist  eine  Schülerin  Singers  in  Stuttgart,  des  Pariser  Conservatoriums  (Maurin)  und 
des  Royal  College  of  Music  in  London  (Gompertz). 

Fräulein  C.  Gates  ist  eine  Schülerin  Saintons  (Royal  Academy  of  Music)  und  spielt  sowohl  Violine 
als  auch  Viola  und  Violoncello.  Sie  ist  Lehrerin  an  der  Guildhall  School  of  Music.  Ueber  Fräulein 
Ilennings  fehlen  leider  eingehende  Daten,  nur  das  steht  fest,  dass  auch  sie,  wie  die  andern  drei  Damen, 
eine  Engländerin  pur  sang  ist. 

Wir  haben  leider  in  Deutschland  noch  nicht  Gelegenheit  gehabt  dieses  Quartett  zu  hören  und 
können  daher  ein  Urtheil  über  seine  Leistungen  nicht  abgeben.  Es  tritt  aber  in  England,  wo  sie  durch 
die  Vorführungen  der  Quartette  Joachims,  W.  Pless’,  Kneisels,  des  Böhmischen  Streich -Qartetts  etc. 
auch  wissen  was  gut  Quartett-Spielen  heisst,  so  oft 
und  so  erfolgreich  auf,  dass  über  ihre  jedenfalls  sehr 
tüchtigen  Leistungen  wohl  kein  Zweifel  bestehen  kann. 


7b 


E.  Shinncr  (Mrs.  Liddcll).  L.  Stone.  C.  Gates.  F«  Hennings. 

Das  Shinner-Quartett. 


77 


Das  Kneisel- Quartett 


h  jenseits  des  Atlantischen  Ozeans  wird  fleissig  Quartett  gespielt,  und  wenn  die  Pflege  der 
Kammermusik  dort  auch  nicht  so  allgemein  ist  wie  bei  uns,  so  macht  sie  doch  bedeutende 
Fortschritte.  Eines  der  ständigen  amerikanischen  Quartette  ist  sogar  herüber  gekommen 
und  in  London  mit  gutem  Erfolge  aufgetreten.  Es  ist  allerdings  nur  in  sofern  amerikanisch, 
als  die  Mitglieder  drüben  wohnen  und  engagirt  sind.  Sie  sind  aber  Europäer  und  zwei 
davon  Deutsche.  Der  erste  Geiger,  Herr  Alfred  Kneisel,  ist  ein  Rumäne,  in  Bukarest  von  deutschen 
Eltern  geboren.  Er  war  Schüler  von  Professor  Grün  in  Wien  und  hat  sich  schon  am  Conservatorium 
besonders  ausgezeichnet.  Dann  wurde  er  als  erster  Geiger  im  k.  k.  Hofopern-Orchester  angestellt,  wo 
er  drei  Jahre  blieb.  Darauf  wurde  er  Mitglied  der  Bilse’schen  Kapelle  und  seit  1885  ist  er  Konzert¬ 
meister  des  in  Amerika  grossen  Ruf  geniessenden  Symphonie-Orchesters  in  Boston,  dessen  Kapellmeister 
später  Arthur  Nickiseh  wurde,  welcher  Paur  zum  Nachfolger  hatte. 

Der  zweite  Geiger,  Herr  Otto  Roth  ist  ein  Wiener  Kind,  und  wie  Herr  Louis  Svecenski 
(ein  Kroat)  Schüler  des  Professor  Grün  am  Wiener  Conservatorium,  von  wo  aus  er  sofort  nach  Boston 
engagirt  wurde,  woselbst  er  jetzt  als  Bratschist  des  Symphonie-Orchesters  thätig  ist. 

Der  Cellist  endlich,  Herr  Alwin  Schröder  (Bruder  des  Direktors  des  Sondershausen’schen 
Conservatoriums,  Karl  Schröder),  den  wir  auf  einem  andern  Quartette  (Petri)  wiederfinden,  ist  ein  in 
Deutschland  bekannter  Künstler,  der  neben  Julius  Klengel  zehn  Jahre  lang  am  „Gewandhaus“  und  am 
Leipziger  Conservatorium  angestellt  war.  Er  war  zuerst  Geiger  und  Schüler  von  de  Ahna  und  Joachim. 
Erst  im  19.  Jahre  entschloss  er  sich  „umzusatteln“,  und  ist  binnen  verhältnissmässig  kurzer  Zeit  einer 
der  ersten  deutschen  Cellisten  geworden,  an  dessen  Spiel  besonders  die  Schönheit  und  Grösse  seines 
Tones  hervorzuheben  ist.  Seit  1 89 1  ist  er  ebenfalls,  und  zwar  als  erster  Cellist,  bei  dem  Bostoner  Orchester 
angestellt. 


78 


A.  Schröder. 


L.  Sveccnski. 


Das  Kneisel- Quartett. 


79 


Das  Dannreuther- Quartett. 


jj  ^WgVbwohl  die  Pflege  der  Kammermusik  in  Amerika  nicht  annähernd  eine  so  rege  ist,  wie  bei 
UnS’  S°  ^’n^t  s'e  t'oc'1  an  gewaltig  um  sich  zu  greifen.  War  doch  sogar  kürzlich  davon 
Lp  die  Rede ,  dass  sowohl  das  Joachim’sche  wie  das  Böhmische  Quartett  für  eine  grössere 
SSj/fi';-  Tournee  in  den  Vereinigten  Staaten  engagirt  seien.  Beides  scheint  sich  aber  doch  wieder 
ci  zerschlagen  zu  haben. 

Noch  weit  älter  als  das  eben  besprochene  Kneisel-Quartett  ist  das  sogenannte  Dannreuther- 
Quartett  unter  Führung  des  Herrn  G.  Dannreuther  (Bruder  des  in  London  lebenden  ausgezeichneten 
Pianisten  und  Musikschriftstellers  E.  Dannreuther),  das  seit  vielen  Jahren  regelmässige  Kammermusik- 
Soireen  veranstaltet  und  durch  diese  wacker  an  der  musikalischen  Bildung  der  Amerikaner  gearbeitet  hat. 
Da  wir  die  betreffenden  Herren  nie  spielen  hörten,  können  wir  keinen  Vergleich  mit  anderen  Quartetten 
anstellen,  allein  der  ausgezeichnete  Ruf,  den  das  Quartett  geniesst,  sowie  die  Regelmässigkeit  ihrer 
Soireen  lassen  darauf  schliessen,  dass  sie  Ausgezeichnetes  leisten,  und  in  einem  Punkte  sind  sie 
vielen  unserer  deutschen  Quartette  „über“,  nämlich  in  ihren  Programmen. 

Bei  diesem  Quartette  kommt  auch  das  Moderne  zu  seinem  Rechte;  die  Programme  zeigen 
nicht,  wie  so  viele  unserer  einheimischen,  einen  ewigen  Kreis  von  Beethoven -Mozart,  Beethoven -Haydn, 
Beethoven- Schubert,  und  wenn’s  gut  geht  einmal  Beethoven-Schumann.  Nichts  Modernes,  was  eine 
Berechtigung  hat,  geht  vorüber,  ohne  dass  das  Dannreuther- 
Quartett  es  zu  Gehör  brächte.  Dasselbe  besteht  zur  Zeit 
aus  den  Plerren  G.  Dannreuther  (i.  Violine),  E.  Schenk 
(2.  Violine),  O.  Schill  (Viola)  und  J.  Kovarik  (Cello). 


80 


m 


G.  Dannrcuthcr.  E.  Schenck.  0.  Schill.  J.  Kovarik. 

Das  Dannreuther- Quartett. 


A.  Ehrlich.  Das  Streich -Quartett, 


8 1 


Das  Römische  Quartett 


Jas  Band  der  Kunst,  wodurch  die  Herzen  der  Nationen  verbunden  werden,  ist  kein  „schwaches 
I  Rosenband“.  In  der  Musik  besonders  haben,  was  Deutschland  und  Italien  anlangt,  die 
Deutschen  die  starke  Seite  der  italienischen  Komponisten  neidlos  anerkannt.  Der  dem  deut¬ 
schen  Publikum  innewohnende  Gerechtigkeitssinn  findet  in  diesem  Falle  auf  der  andern  Seite 
1  ein  gleiches  Entgegenkommen.  Der  intelligenteste  Theil  der  italienischen  Tonkünster  hat  den 
Musikheroen  bei  seinen  Landsleuten  die  Wege  geebnet,  und  wie  viel  Selbstlosigkeit  und 
Energie  solche  That  voraussetzt,  lässt  sich  nach  dem  Gelingen  solchen  Strebens  schwer  ermessen.  Dem 
„Quartetto  romano“  ist  ein  gut  Theil  dieses  Verdienstes  ohne  weiteres  zuzusprechen.  Es  besitzt  nicht 
allein  die  künstlerischen  Fähigkeiten,  welche  zu  einem  vollständigen  Erfolge  unerlässlich  sind,  sondern 
auch  die  ebenso  nöthige  Thatkraft.  Beide  Eigenschaften  sind  bei  dem  Quartett  in  höchstem  Masse  vor¬ 
handen.  Es  setzt  sich  die  Quartett- Veieinigung  aus  folgenden  Herren  zusammen:  Cav.  Tito  Monachesi 
(i.  Violine),  Cav.  Vincenzo  Desanctis  (2.  Violine),  Cav.  Romolo  Jacobacci  (Viola)  und  Gaetano 
Morelli  (Cello).  Das  Quartett  bildet  den  Hauptbestandtheil  des  berühmten  Quintetts  Ihrer  Majestät  der 
Königin  von  Italien.  Dessen  Stiftung  erfolgte  mit  königlichem  Dekret  vom  Jahre  1893-  Es  untersteht 
der  Leitung  Sgambatis,  des  ausgezeichneten  Komponisten  und  Clavierspielers,  und  hat  die  Privatkonzerte 
bei  Flofe  auszuführen.  Die  obengenannten  Professoren  Monachesi,  Jacobacci  und  Desanctis  lehren  seit 
vielen  Jahren  am  Lyceum  der  Hauptstadt  und  geniessen  einen  hohen  Ruf.  Gewiss  ist,  dass  die  besten 
Elemente  des  römischen  Orchesters  aus  ihrer  Schule  hervorgegangen  sind. 

In  Folge  der  Initiative  des  berühmten  Meisters  Marchetti  wurden  bei  Hofe  Beethovens  sämmt- 
liche  Kammermusikwerke  aufgeführt  und  das  Quartett  interpretirte  sie,  wie  zu  erwarten  war,  in  einer  so 
vollendeten  Weise,  dass  aufrichtigste  Bewunderung  dafür  erweckt  wurde.  Die  Vortrefflichkeit  der  vier 
Künstler  hat  es  demnach  zu  Wege  gebracht,  dass  das  Publikum  den  reinen  Ausdruck  der  Kunst, 
welchen  diese  Werke  der  Klassiker  widerspiegeln,  zum  ersten  Male  verstehen  lernte. 


deutschen 


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83 


Druck  von  A.  H.  Payne,  Leipzig -Reudnitz. 


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